Kriegsverbrechen – Luftangriff vor 75 Jahren: Als in Kitzingen das Inferno ausbrach

KITZINGEN

Am 23. Februar 1945 kommen Tod und Verderben über die Stadt: Fünf Angriffswellen aus dem Himmel zerstören ein Viertel von Kitzingen, 700 Menschen sterben.

Die Alte Poststraße nach dem Bombenangriff. Foto: Stadtarchiv
 

Kitzingen Anfang 1945. Die kriegsmüde Zivilbevölkerung spürt längst die schweren Versorgungsengpässe. Nahrungsmittel sind rationiert, Wohnraum knapp. Die Bürger werden zum Dienst an der „Heimatfront“ verpflichtet. Minderjährige als Helfer an Fliegerabwehrgeschützen sind keine Seltenheit. Der Nachrichtenverkehr funktioniert infolge der vielen Alarme, des Stromausfalls und der Zerstörung der Telefonverbindungen nur noch mangelhaft.

Die Verwüstung der Eisenbahnanlagen macht das Reisen fast unmöglich. Auch auf dem Kitzinger Bahnhof ist der Personenverkehr fast stillgelegt. Mit Mitleid können die Deutschen zu diesem Zeitpunkt nicht mehr rechnen. Die Eroberungszüge der Hitler-Armee und die bekannt gewordenen Gräueltaten im Osten Europas haben ihnen alle Sympathien geraubt. Zudem sieht die Welt die Bilder von den ausgemergelten Menschen, die nach der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 gemacht worden waren.

Kitzingen war bislang nie direktes Angriffsziel. Die Bevölkerung, um die 15 000 Einwohner, wähnt sich daher in relativer Sicherheit. Aber: Obwohl die Mainstadt nur wenige Soldaten zählt, befindet sich hier ein Ersatzhafen der Luftwaffe mit einem gut ausgebauten Flugplatz. Des Weiteren ist auch ein großer Komplex von Flak-Kasernen mit einer Luftkriegsschule und einer Kraftfahrer-Ausbildungsabteilung der deutschen Luftwaffe vorhanden. Darüber hinaus verfügt die Stadt auch über Rüstungsindustrie und ist zudem an das Eisenbahnnetz angebunden, also von verkehrstechnischer Bedeutung.

Tiefflüge nehmen zu

Ende Januar. Die Zahl der bedrohlichen Tiefflüge nimmt zu. Es kommt vor, dass die Bevölkerung fast die ganze Nacht in Luftschutzkellern verbringen muss.  Viele Kitzinger glauben fatalerweise, dass ein vom Luftschutzbund als geeignet erklärter Kellerraum mit eiserner Tür, Feuerspritzen, einigen Sandsäcken und etlichen Eimern Wasser als Luftschutzmaßnahme gegen fallende Bomben genügen würde. Ein tödlicher Irrtum! Es sind vor allem Frauen und Kinder, die in diesen Kellern Schutz suchen, denn Männer sind nur noch vereinzelt in Kitzingen.

 

Als am 4. und 19. Februar 1945 zum ersten Mal Bomben und Minen auf Würzburg fallen, die auch in Kitzingen Fensterscheiben und Türen erzittern lassen, spitzt sich die bedrohliche Lage zu. Angesichts der bereits 375 toten Soldaten aus Kitzingen, der Lebensmittelrationierungen sowie der fast täglich vorkommenden Luftalarme sind die Einwohner zu diesem Zeitpunkt längst des Krieges überdrüssig.

Zunächst wird die Stadt verfehlt

Erstmals angegriffen werden soll die Stadt am 22. Februar. Die 38 Flugzeuge verfehlen die Stadt jedoch. Ein Tag später, 23. Februar. Der letzte Freitag im Februar soll zum schrecklichsten Tag in Kitzingens Geschichte werden. Es ist eine Schönwetterlage mit Höchsttemperaturen von elf Grad prognostiziert. Um 7 Uhr heulen die Sirenen Voralarm, weil Aufklärer über dem Gau Mainfranken gesichtet werden, die kurze Zeit danach über der Stadt kreisen. Fliegeralarm wird in der Zeit von 10.05 bis 14.20 Uhr gegeben.

Die Kitzinger haben sich an diesen Alarm dermaßen gewöhnt, dass sie ihn nicht ganz ernst nehmen, so dass nicht allzu viele die Luftschutzkeller aufsuchen. In den frühen Vormittagsstunden starten Bomberverbände im Südosten Englands mit insgesamt 1252 Maschinen von mehreren Basen. Ihre Ziele sind Bahnhöfe und Brücken im Oberfränkischen. Dort herrscht jedoch schlechte Sicht, so dass ein schneller Abwurf nur über „Gelegenheitszielen“ wie Kitzingen und Schweinfurt erfolgen kann. Hier herrschen beste Wetterverhältnisse und in Kitzingen ist keine Abwehr durch die Flak oder angreifende Jagdflugzeuge zu befürchten.

Bedrohliche Geräusche

Die ersten bedrohlichen Motorengeräusche aus Richtung Osten sind in der Mainstadt kurz nach 11.30 Uhr zu hören. Ein Verband von 174 viermotorigen amerikanischen Bombern, die Kitzingen in einer geringen Höhe zwischen 1500 und 3000 Metern anfliegen, nähert sich schnell. Die Bomber mit ihrer tödlichen Fracht kommen aus dem Raum Schlüsselfeld. Um 11.34 Uhr wird die erste Markierung gesetzt, die wie ein weißer Streifen nördlich der Neuen Mainbrücke zielgenau in Richtung Bahnhof im südlichen Stadtteil verläuft. Der Tod kommt dann Schlag auf Schlag. Als die 37 Piloten der 96. Bombergruppe das Zeichen erkennen, lassen sie ihre 444 Sprengbomben aus 4,5 Kilometern Höhe ausklinken. Die Gleisanlagen und das Bahnhofsgelände werden schwer getroffen.

Die Bismarck- und Schmiedelstraße erhalten ebenso Volltreffer wie die als Lazarett eingerichtete Oberschule für Jungen im Rosengarten. Von diesem Zeitpunkt an herrscht Chaos auf Kitzingens Straßen. Die Menschen rennen in wilder Flucht in die nach Lichtausfall dunklen Keller, ohne Gepäck oder Mantel, und hoffen auf ein Ende der Detonationen. Diese gehen jedoch weiter. Nach endlos langen zehn Minuten kehrt wieder Ruhe ein und die ersten Mutigen wagen sich aus den Kellern. Es bietet sich ihnen ein Bild, das sie ihr Leben lang nicht mehr vergessen werden, denn das Ausmaß der Katastrophe übertrifft alle Befürchtungen.

Die zweite Welle

Dann rollt am Himmel von Großlangheim her schon die zweite Vernichtungswelle heran. In 4230 bis 3.35 Metern Höhe nähern sich in drei Staffeln insgesamt 36 Maschinen der 490. Bombergruppe. Diese nehmen Kurs über den Stadtpark in Richtung Brauerei Scheuernstuhl in der Repperndorfer Straße und entladen ihre tödlichen 432 Sprengbomben von 11.40 Uhr bis 11.42 Uhr über den Bahnhofsanlagen, der Bahnhofs- und Güterhallstraße sowie dem Werk II der Fassfabrik Klein. Danach drehen sie ab in Richtung Würzburg und Nürnberg.

Sechs Minuten später erfolgt dann die dritte Angriffswelle: Die 493. Bombergruppe klinkt innerhalb von zwei Minuten aus 16 Flugzeugen 192 Sprengbomben aus. Diese treffen vor allem das Gebiet um die Sulzfelder Unterführung schwer. Nun bleibt eine gute Dreiviertelstunde Pause, in der wohl jeder schon gehofft hat, das Inferno sei vorbei.

Fürchterlicher Anblick

Als sich die ersten Mutigen wieder aus den Luftschutzkellern wagen, bietet sich ihnen ein fürchterlicher Anblick. Das Ausmaß der Katastrophe übertrifft alle Befürchtungen. Die Pfirschinger Mineralwerke in der Mainstraße 18 sind getroffen. Die Gegend um die Nürnberger Eisenbahnbrücke gleicht einer zerfurchten Kraterlandschaft, viele Häuser in der Inneren Sulzfelder Straße sind zerstört, während die übrige Stadt und der Stadtteil Etwashausen bis dahin noch dem Chaos entgangen sind.

Kaum ist die erste Bombenlast in drei kurz aufeinanderfolgenden Wellen abgeworfen, nähert sich nach einer Pause von ungefähr 50 Minuten um 12.37 Uhr aus östlicher Richtung bereits die vierte Welle mit weiteren 37 Flugzeugen der 303. Bombergruppe, die Kurs über den Stadtpark in Richtung Brauerei Scheuernstuhl nehmen und innerhalb von zwei Minuten 446 Sprengbomben abwerfen.

Krainberg in Schutt und Asche

Die nächste Angriffswelle ist bereits im Anflug. Dieser fünfte und letzte Angriff, der von 48 Flugzeugen in drei Geschwadern durchgeführt wird, hat vor allem das nördlich gelegene Stadtviertel bis zur Bahnhofstraße als Ziel und vollendet das Werk der Vernichtung. Da die Flugzeuge in größerem Abstand fliegen, verteilen sich die 586 abgeworfenen Sprengbomben jedoch auf das gesamte Stadtgebiet und legen vor allem den Krainberg fast völlig in Schutt und Asche.

Ungefähr um 12.50 Uhr ist dieser fünfte Angriff vorbei. Demnach dauerte die Zerstörung großer Teile der Stadt Kitzingen nicht mehr als eine Stunde und 15 Minuten. Bei den wellenartigen Angriffen wurden von 174 amerikanischen Bombern innerhalb von insgesamt nur acht Minuten über 2100 schwere Sprengbomben mit einem Gewicht von jeweils 227 Kilogramm abgeworfen.

700 Menschen sterben

In den schicksalsschwersten Minuten der Geschichte Kitzingens verlieren über 700 Menschen in den Trümmern der Stadt ihr Leben. Dies entspricht in etwa fünf Prozent der Bevölkerung. Eine genauere Zahl ist leider nicht bekannt.

Kaum ein Haus in Kitzingen ist völlig unbeschädigt geblieben. 351 Häuser mit 809 Wohnungen, bestehend aus 2020 Einzelwohnräumen, sind zerstört worden! Diese Zahl entspricht 23,8 Prozent des gesamten Wohnbestandes der Stadt Kitzingen.

Mit dem Näherrücken der Front häufen sich auch die täglichen Alarme, vor allem als Warnung vor Tieffliegern. Es bleibt jedoch ruhig! Am 22. März 1945 durchleben die Kitzinger noch einmal die Schrecken des 23. Februar, denn an diesem wieder sehr frühlingshaft warmen Donnerstag fliegen amerikanische Verbände gegen 13.30 Uhr einen Angriff in acht bis neun Wellen gegen den Fliegerhorst. Der Schaden im Fliegerhorst ist beträchtlich, aber die Stadt Kitzingen selbst und der Stadtteil Etwashausen bleiben verschont.

Nicht verhindert werden kann jedoch die Sprengung der Brücken durch die Deutschen am 4. April, wodurch die 1892 fertiggestellte Gerolzhöfer und die Nürnberger Eisenbahnbrücke zerstört werden. Die beiden mittleren Bögen der Alten Mainbrücke werden ebenfalls gesprengt, jedoch sind die Schäden nicht so gewaltig, so dass man sie in kurzer Zeit als Notbrücke zu Fuß gebrauchen kann.

Am 5. April 1945 besetzen amerikanische Truppen Kitzingen. Die Übergabe der Stadt vollzieht sich ohne Schwierigkeiten, überall wehen weiße Fahnen als Zeichen der friedvollen Kapitulation.

Ausstellung: „Inferno über Kitzingen“ lautet der Titel einer Ausstellung im Kitzinger Rathaus. Zu sehen bis zum 20. März von Montag bis Freitag während der Rathaus-Öffnungszeiten.

Quelle: infranken.de vom 22.02.2020


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Ein Kommentar zu Kriegsverbrechen – Luftangriff vor 75 Jahren: Als in Kitzingen das Inferno ausbrach

  1. ulrike sagt:

    Alles Kriegsverbrechen von dem dreckigen Churchill.

    Mein Heimatdorf wurde auch total kaputt gebombt auf dem Rückflug von Pforzheim haben die ihre Reste noch abgeladen.

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