New York Times: Deutschland ist zerbrochen

 


Spritziges aus Südtirol

MAX ERDINGER
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New York Times – Foto: Imago

Oliver Nachtwey ist Soziologieprofessor an der Universität Basel und Autor des Buches „Deutschlands versteckte Krise: Sozialer Niedergang im Herzen Europas“. Die New York Times veröffentlichte dieser Tage einen Artikel aus seiner Feder. Nachtwey: „Es spielt keine Rolle, wer #Merkel ersetzt. #Deutschland ist zerbrochen.“

Die Erosion von Deutschlands Nachkriegsordnung habe eine Bevölkerung geschaffen, die offen für Botschaften und Bewegungen ist, welche früher an die Ränder des politischen Spektrums verbannt gewesen seien, schreibt der Soziologieprofessor aus Basel.

Die Entscheidung über die Merkel-Nachfolge im Amt des CDU-Parteivorsitzenden ist gefallen, die 18-jährige Herrschaft Merkels über die #CDU vorbei. Annegret Kramp-Karrenbauer hat von Angela Merkel, die von Vielen nach wie vor als die De-Facto-Führerin Europas begriffen wird, eine zerrissene Partei übernommen und ein Land, das um so heftiger zersplittert, je länger Merkel an ihrem Plan festhält, die volle Legislaturperiode als Kanzlerin durchzuziehen.

Die Stabilität, aber auch die Eintönigkeit, mit welcher die Politik Merkels in Verbindung gebracht wird, scheint ihrem Ende zuzugehen. Merkels Ruhestand ist in Sichtweite gekommen und markiert eine sich ständig vertiefende Krise des gesamten politischen Systems in Deutschland, welche nicht nur die Zukuft des Landes bedroht, sondern auch die der Europäischen Union. Erklärungen dafür beginnen und enden oft mit Frau Merkel. Ihr Management der sogenannten Flüchtlingskrise und ihr distanzierter Umgang mit Kritik daran empfanden große Teile der Wählerschaft als abstoßend. Die allmähliche Schwächung der Parteien in der Mitte förderte hingegen die Polarisierung und die Zersplitterung der Wählerschaft.

Trotz Macht und Einfluß ist Frau Merkel aber nur ein Politiker von vielen. Deutschlands neue politische Krise hat viel tiefere Ursachen. Die wiederum wurzeln in einem Wirtschaftssystem, das bei stagnierenden Löhnen und unsicheren Beschäftigungsverhältnissen angekommen ist. Die Erosion der deutschen Nachkriegsordnung – starker Wohlfahrtsstaat, Vollbeschäftigung und die Chance, es zu etwas zu bringen in der Welt – hat eine Bevölkerung geschaffen, die sich den früheren Rändern des politischen Spektrums zuwendet.

Mit der deutschen Politik ist es wie mit der deutschen Wirtschaft: Oberflächlich betrachtet handelt es sich um eine Erfolgsstory. Das Bruttosozialprodukt ist seit einem Jahrzehnt ununterbrochen gewachsen, die Arbeitslosigkeit ist auf dem niedrigsten Stand seit der deutschen Wiedervereinigung 1989. Durch die Anhäufung von Exportüberschüssen genoß Deutschland mehrere Vorteile: Einen fortgeschrittenen Produktionssektor, die Fähigkeit, wichtige Produkte und Dienstleistungen von anderen Mitgliedern der EU zu beziehen, und, als Mitglied der Eurozone, vermittels einer unterbewerteten Währung die eigenen Exporte attraktiv zu halten.

Das alles aber gab es nicht für lau. Um den Wettbewerbsvorteil aufrecht zu erhalten, hielten Arbeitgeber die Löhne niedrig. Obwohl die Löhne für Qualifizierte im exportorientierten Sektor stabil geblieben sind oder sogar anstiegen, hatten die Unqualifizierten im Niedriglohnsektor zu leiden. Das ist das Ergebnis der Schwächung von Gewerkschaftsmacht, wie sie in den 1990ern einsetzte.

Ein anderer, noch alarmierenderer Grund für die politische Krise des Landes – mit der Wirtschaft zwar verbunden, aber getrennt davon zu betrachten – ist die Schwächung des deutschen Sozialstaatsmodells über die vergangenen Jahrzehnte. Obwohl Deutschland nie so sozialinklusiv gewesen ist wie die skandinavischen Länder, hatte das Land doch einen umfassenden Wohlfahrtsstaat und stabile Gewerkschaften, die sicherstellten, daß Bürger aus den unteren Einkommensschichten einen anständigen Lebensstandard erreichen konnten, sowie einen gewissen Wohlstand in der Vollzeitbeschäftigung.

In Westdeutschland, wo ein sicherer Arbeitsplatz der Normalfall gewesen ist, fungierte die Vollzeitbeschäftigung zugleich als Basis der sozialen Integration. Die klassische Metapher zur Beschreibung dieser Umstände wurde von dem Soziologen Ulrich Beck in den Achtziger Jahren geprägt. Er sprach vom „Aufzugseffekt“. Der Begriff implizierte, daß es bei aller sozialen Ungleichheit doch der immerselbe Aufzug sei, in dem jedermann nach oben fuhr, und bedeutete, daß sich der Abstand zwischen Armen und Reichen nicht ausweiten würde. Dreißig Jahre später ist diese Gesellschaft verschwunden. Beginnend im Jahr 1993 sanken die Reallöhne seit nunmehr über zwanzig Jahren. Deutschland wuchs nicht nur ungleichmäßig, sondern der Lebensstandard der unteren Einkommensschichten stagnierte oder sackte gar ab. Die unteren 40 Prozent der Haushalte haben seit inzwischen 25 Jahren Einkomensverluste hinnehmen müssen, während zur selben Zeit die Zahl derjenigen Jobs schrumpfte, die eine langfristige Stabilität der Verhältnisse versprachen.

Die Zahl der prekären Beschäftigungsverhältnisse, wie etwa die Zeitarbeit, explodierte währenddessen förmlich. Auf der Höhe des Nachkriegswohlstandes galt für etwa 90 Prozent der angebotenen Stellen, daß sie mit einer hohen sozialen Absicherung kombiniert gewesen sind. Im Jahr 2014 war dieser Wert bereits auf 68,3 Prozent gefallen. Anders ausgedrückt: Etwa ein Drittel der Beschäftigten in den unteren Einkommensklassen haben unsichere oder befristete Beschäftigungsverhältnisse. Schlimer noch: Ein Niedriglohnsektor ist entstanden, in dem Millionen von Leuten beschäftigt sind, die sich kaum noch das Unerläßliche leisten können und oftmals einen Zweitjob brauchen, um über die Runden zu kommen.

Die deutsche Mittelklasse schrumpft und hat dadurch ihre Funktion als Gesellschaftskleber verloren. Das relativ neue Phänomen einer schrumpfenden und in sich geteilten Mittelklasse verursacht weitverbreitete Ängste. Anstatt einem einzigen Aufzug für alle gleicht Deutschland heute mehr einem Einkaufszentrum mit mehreren verschiedenen Rolltreppen nebeneinander. Während die eine Rolltreppe die besseren Kunden bereits nach oben befördert hat, laufen andere Rolltreppen in die Gegenrichtung nach unten. Die Alltagserfahrung Vieler gleicht dem Versuch, auf einer dieser nach unten laufenden Rolltreppen nach oben zu kommen. Auch, wenn die Leute hart arbeiten und sich an die Regeln halten, erlbennsie kaum irgendwelche Verbesserungen.

Die Angst vor dem sozialen Abstieg befeuert zugleich die Fremdenfeindlichkeit. Es kann gar keinen Zweifel geben, daß die große Mehrheit der Deutschen die Immigranten des Jahres 2015 freundlich begrüßt haben, inzwischen zwei Millionen an der Zahl. Aber bedeutende Teile der unteren Mittelklasse und der Arbeiterklasse sind damit nicht einverstanden. Wenn sozialer Aufstieg unmöglich geworden ist und kollektiver Protest kaum existiert oder ganz ausbleibt, tendieren solche Leute dazu, Vorurteile zu entwickeln. Das hat zu einer aufgestauten Unzufriedenheit mit den großen alten Parteien Deutschlands geführt, den Christdemokraten und den Sozialdemokraten.

Hat Nachtwey den Nagel auf den Kopf getroffen?

Oliver Nachtwey ist Soziologieprofessor und sein Artikel ist in einer der traditionell linksliberalen Publikationen der USA erschienen, der renommierten New York Times. Das legt nahe, daß er die ganze Wahrheit nicht darstellen konnte, durfte oder wollte. In Frankreich, wo in etwa dieselben Phänomene zu beobachten sind wie in Deutschland, ist man da weiter. Dort nimmt man inzwischen Abstand von dem wohlfeilen Erklärungsmuster, das Fehlen sozialer Aufstiegschancen sei ursächlich für das Anwachsen der sogenannten Fremdenfeindlichkeit. Die Düpierten der Globalisierung sehen das sehr viel realistischer – und die Immigranten übrigens auch.

Diese Sichtweise geht so: Eine Gesellschaft, die so zerfällt, wie von Nachtwey zutreffend beschrieben, ist es nicht mehr wert, sich in sie zu integrieren. Kein Immigrant von Verstand sieht einen Anlaß, sich als „Normalo“ in eine Gesellschaft von Verlierern zu integrieren und so zum Mitverlierer zu werden. Was die behaupteten „Werte“ tatsächlich wert sind, kann der Immigrant von Verstand schon daran erkennen, daß die Gesellschaft, in die er sich integrieren soll, diese behaupteten „Werte“ selbst mit Füßen tritt, indem sie nicht mit aller Entschiedenheit zu ihrer Verteidigung antritt. „Loser“ ist nicht umsonst zu einem populären Schimpfwort verkommen, welches nicht länger mehr Anteilnahme ausdrückt, sondern Verachtung.

Die behauptete Fremdenfeindlichkeit der Autochthonen ist in Wahrheit eine Feindlichkeit der Fremden ihnen gegenüber. Immigranten erkennen im Normalbürger keine Identifikationsfigur mehr. Sie verachten ihn für das, was er mit sich machen läßt. Wer verachtet wird, hat logischerweise viel eher ein Messer im Rücken, als jemand, dem viel Achtung entgegengebracht wird. Gerade für eingewanderte Moslems gilt das ganz besonders. Gesellschaftlicher Status und die damit einhergehende Macht sind die Kriterien, denen sie in ihrem eigenen Kulturkreis gehorchen. Was Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in der Realität Europas des Jahres 2018 noch bedeuten, kann er sehr genau beobachten. Da gibt es schlicht nichts mehr, wo hinein er sich integrieren wollen könnte.

Das allerdings sind Einsichten, denen sich auch ein Oliver Nachtwey bis zum letzten Atemzug verschließen wird. Sie wären schließlich geeignet, ein zementiertes Weltbild zu erschüttern.

Quelle: journalistenwatch.com vom 10.12.2018


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2 Kommentare zu New York Times: Deutschland ist zerbrochen

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  2. Ulrike sagt:

    Sogar die Times hats schon bemerkt was Millionen hier nicht wissen wollen und den Kopf noch immer in den Sand stecken und meinen Murksel wirds schon richten.

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