Putin sieht Rubelschwäche als Plus


Pralinenbote

ANDRÉ BALLIN 20. Jänner 2016, 18:31

Kopp Verlag


Kremlchef Wladimir Putin lässt sich nicht so schnell unterkriegen. Nicht vom Schwächeanfall der Währung, nicht vom Gegner bei der Judo-Session in Moskau.

foto: ap/aleksey nikolsky

Kremlchef Wladimir Putin lässt sich nicht so schnell unterkriegen. Nicht vom Schwächeanfall der Währung, nicht vom Gegner bei der Judo-Session in Moskau.

Russlands Währung ist auf ein Rekordtief abgerutscht, Kremlchef Wladimir Putin erkennt darin auch Vorteile. Am Mittwoch hat der Dollar die Marke von 80 Rubel, anschließend sogar von 81 Rubel durchbrochen. Das ist ein Rekordtief für die russische Landeswährung seit der Rubelkrise 1998 und ihrer anschließenden Neuwertung (damals tauschten die Russen 1000 alte Rubel gegen einen neuen). Der Euro stieg auf einen Wert von über 88 Rubel. Das liegt nur geringfügig unter dem Hoch von Dezember 2014, als Panikverkäufe an der Moskauer Börse den Rubel kurzzeitig auf einen Wechselkurs von 1:100 gegenüber der europäischen Einheitswährung drückten. Damals machte Russlands Präsident Wladimir Putin Spekulanten für den Absturz verantwortlich. Doch diesmal hält selbst die russische Führung die Talfahrt für begründet. Zentralbankchefin Elvira Nabiullina jedenfalls erklärte, der Rubel sei nun nahe seiner fundamentalen Basis. Tatsächlich reagiert der Rubel auf die anhaltende Schwäche des Ölpreises. Baisse an den Rohstoffmärkten.


Die Baisse an den Rohstoffmärkten ist für Russlands Wirtschaft verheerend: Schon 2015 sank das BIP um 3,8 Prozent. Nun hat der Internationale Währungsfonds seine ohnehin trübe Prognose für 2016 noch einmal nach unten korrigiert. Demnach wird es in diesem Jahr statt 0,6 um ein ganzes Prozent nach unten gehen. Auch die Haushaltsvorgaben von Putin sind für die Regierung damit nur noch schwer umzusetzen. Ein Defizit von drei Prozent ist nur noch mit drastischen Kürzungen zu erreichen. Der Verfall des Rubels wird daher in der russischen Führung eher als Segen betrachtet: Die meisten Einnahmen werden in Dollar erzielt durch die Ausfuhr von Rohstoffen. Die Ausgaben hingegen sind rubelbasiert, sie sinken also bei fallendem Kurs. Gute Miene zum bösen Spiel Wohl auch deshalb macht die russische Führung gute Miene zum bösen Spiel: Premier Dmitri Medwedew erklärte, die Inflation werde trotzdem im Zaum gehalten.


In den nächsten 15 Jahren werde es keine zweistelligen Inflationszahlen mehr geben, versprach der Ministerpräsident. Und selbst Putin versuchte bei einer Veranstaltung der Gewerkschaft für Kleinunternehmer „Opora Rossii“ Optimismus auszustrahlen. Die letzten zwei Jahre seien für die Wirtschaft gewiss nicht leicht gewesen, doch sie seien durchgestanden worden – auch von Kleinunternehmern. Durch den Rubelverfall „eröffnen sich neue Möglichkeiten für das Business“ fügte er anschließend hinzu. Mit Währungsspekulationen machen allerdings nur die wenigsten Unternehmer in Russland ihr Geschäft. Für die meisten Unternehmer ist die Volatilität des Rubels ein gewaltiges Problem. Sie können weder Preise kalkulieren, noch Kredite aufnehmen – und die Verkäufe sind wegen der Inflation ebenfalls rückläufig.


Importeure betroffen

Am härtesten trifft es natürlich Importeure. Eine Meldung der Auslandshandelskammer in Moskau verdeutlicht dies. Demnach hat sich die Zahl der deutschen Unternehmen in Russland im vergangenen Jahr von rund 6.000 auf 5.583 verringert. „Die wichtigsten Ursachen für den Rückgang sind nichtsdestoweniger der Wirtschaftsabschwung in Russland 2014–2015 und die starke Rubelabwertung, die sich deutlich negativ auf das Konsumverhalten der russischen Bevölkerung ausgewirkt hat“, schreibt die AHK in ihrer Bewertung. Tatsächlich ist die Bevölkerung neben den Unternehmern ein weiterer großer Verlierer der Rubelabwertung. Offiziellen Angaben nach sind die Realeinkommen der Russen im vergangenen Jahr um zehn Prozent geschrumpft, der fallende Rubel hat die Inflation drastisch angekurbelt, denn trotz der vom Kreml ausgerufenen „Importverdrängung“ ist Russland weit entfernt von einer autarken Wirtschaft.

Einschränkung bei Luxusgütern

Eingeschränkt haben sich die Russen nicht nur bei Luxusgütern – der Markt für Immobilien und Automobile ist drastisch eingebrochen, Reisen ins Ausland wurden unerschwinglich – sondern sogar bei Waren des täglichen Bedarfs. So sind der Statistikbehörde nach viele Menschen von Rind und Schwein auf das billigere Putenfleisch (dort ein Plus von 34,9 Prozent) umgestiegen.

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Ihren Humor haben die Russen trotzdem nicht verloren. Freilich ist der größtenteils schwarz: „Ich erinnere mich noch an den Dollar, als er ganz klein war, gerade mal sechs Rubel. Dann ist er gewachsen und gewachsen und wurde richtig groß. Jetzt ist er über 80. Hoffentlich stirbt er bald“, heißt es in einem aktuellen Witz. In einem anderen nehmen die Autoren Bezug auf die Aktion „No Pants Subway Ride“, an der am 12. Januar auch eine Reihe junger Menschen in der Moskauer U-Bahn teilnahmen: „Wenn der Rubel weiter so schnell fällt, dann wird das Fahren ohne Hosen wohl bald zum Alltag. Immerhin Hoffnung gibt es: „Wenn es wärmer wird, dann wird Wladimir Putin persönlich auf den Grund tauchen, um den gesunkenen Rubel von dort wieder hochzuholen.“

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Quelle: derstandard.at, André Ballin, vom 20.1.2016

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