Für das Mainzer Türkische Kulturzentrum steht die Bewahrung der eigenen Identität im Vordergrund

Nachrichten Mainz 06.08.2015

„Wir Menschen machen den Islam schwer“: Zeynep Taner (l.) beim Frauenfrühstück des Mainzer Türkischen Kulturzentrums. <br />
	Foto:  hbz/Sämmer

„Wir Menschen machen den Islam schwer“: Zeynep Taner (l.) beim Frauenfrühstück des Mainzer Türkischen Kulturzentrums.
Foto: hbz/Sämmer

 

Von Neli MihaylovaMAINZ – Das Wasser für den Tee ist schon heiß. Özlem Dogan beginnt, Tomaten und Gurken zu schneiden. Zeynep Taner holt kleine Schalen für Schafskäse und Oliven aus dem Schrank. Langsam füllt sich das große Zimmer am Barbarossaring 15, das als Versammlungsraum des Mainzer Türkischen Kulturzentrums (ATIB) dient. Rund 20 Frauen kommen jeden Mittwoch hierher, um gemeinsam zu frühstücken und danach unter der Leitung des Imams des Vereins, Seyfettin Coban, Texte aus dem Koran zu besprechen.

Viele der Frauen kennen einander aus der Nachbarschaft oder aus der Türkei, sind erst als Jugendliche nach Deutschland gekommen, sprechen nur gebrochen Deutsch. Für Fatma Dogan, die seit 15 Jahren in Mainz lebt, sind diese Vormittage im Verein wie Therapie. „Zuhause gibt es immer etwas zu tun, hier sind wir nur unter uns, haben Zeit für uns selbst, lesen den Koran und lernen etwas, das wir unseren Kindern weitergeben können“, sagt sie.

„Müssen Gutes tun“

Um kurz vor elf kommt Imam Seyfettin Coban, grüßt die Frauen, setzt sich mit an den Tisch. Das Frühstück wird abgeräumt, der Tisch sauber gewischt. Coban kennt alle Frauen namentlich, fragt sie, wie es ihnen geht. Dann beginnt die Koranstunde. Das Thema an diesem Mittwoch ist der Besuch der Kranken. „Wir müssen Gutes tun, damit Gott uns liebt. Kranken und armen Menschen zu helfen, egal welcher Religion sie angehören, gehört dazu“, übersetzt Zeynep Taner die Wörter des Imams ins Deutsche. Der Islam, meint sie, sei ganz einfach: „Wir Menschen machen ihn schwer.“

Die Frauen hören aufmerksam zu und wiederholen laut, was der Imam gesagt hat. Am Ende beten alle gemeinsam.

„Unser Ziel als Verein ist die Bewahrung der türkischen Identität der Muslime in Deutschland“, erklärt Mustafa Öner, Sekretär des Mainzer Türkischen Kulturzentrums und Vorstandsmitglied des bundesweiten ATIB-Verbandes. Der Verband sei nach der Abspaltung einer Gruppe von Mitgliedsvereinen der Föderation der Türkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Deutschland (ADÜTDF) im Oktober 1987 entstanden, , erläutert Cemalettin Sayin, stellvertretender Vorsitzender des Mainzer ATIB. „Der ADÜTDF war die Auslandsorganisation der Grauen Wölfe. Wir waren mit ihren Gewalttaten in den 70er Jahren in der Türkei und in Deutschland nicht einverstanden und wollten uns von ihnen distanzieren“, fügt er hinzu. Die Grauen Wölfe sind Anhänger der rechtsextremen türkischen Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP), die 1969 von Alparslan Türkes gegründet wurde. Zu ihren Zielen gehören unter anderem die Gründung eines großtürkischen Reiches und die Eliminierung von politischen Gegnern.

Rund 100 registrierte Mitglieder habe der Mainzer ATIB-Verein zurzeit, die überwiegende Mehrheit davon mit türkischem und kurdischem Hintergrund.

Zweisprachigkeit erwünscht

Die Zweisprachigkeit stehe langfristig bei allen Aktivitäten des Vereins im Vordergrund. „Die Kinder sollen irgendwo Türkisch sprechen, deshalb findet der Koranunterricht für sie auf Türkisch statt“, erklärt Mustafa Öner. Zudem spreche der Imam kein Deutsch, da er aus der Türkei komme.

Der Verein möchte jedoch möglichst bald auch Imame einstellen, die ihre theologische Ausbildung in Deutschland bekommen haben. „Wir wissen, dass die Imame aus der Türkei die Lebenssituation der Türken in Deutschland nicht kennen. Zudem sind ihre pädagogischen Methoden ganz anders. Sie sind zum Beispiel sehr streng mit den Kindern, und das kann nach hinten losgehen“, meint Sayin.

In Mainz gebe es keine aktive Jugendarbeit: „In der Pubertät kommen uns die Jugendlichen abhanden, sie kommen aber als Erwachsene wieder“, berichtet Ihsan Öner, der Generalvorsitzende des Vereins. Besorgniserregend sei das seiner Meinung nach nicht, da „Radikalisierung unter Türken sehr selten vorkommt“.

Das Thema Euro-Islam betrachten die Vorstandsmitglieder eher skeptisch: „Das ist Schwachsinn. Es gibt nur einen Islam. Irgendwelche Leute erfinden solche Begriffe, um sich zu profilieren“, meint Ihsan Öner, der Generalvorsitzende des Vereins. Jede Religion habe ihre eigenen Gebote und Verbote, und sie müssten respektiert werden, schildert er. So soll der Schwimmunterricht an deutschen Schulen seiner Meinung nach für Jungen und Mädchen separat stattfinden.

„Wir sehen uns als Bereicherung für dieses Land“, sagt Mustafa Öner und fährt fort: „Wir wünschen uns, dass auch in 100 Jahren die türkischstämmigen Menschen in Deutschland sagen können: ,Ich bin ein Türke und ein Muslim.‘“

Quelle: Allgemeine Zeitung vom 06.08.2015

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