»Deutschland wird klar als der Handlanger amerikanischer Interessen verstanden«

20.03.2016

Ein Interview mit dem Vorstand im Wirtschaftsclub Russland e.V. und Gründer der Unternehmerinitiative CLOSING THE DISTANCE, Uwe Leuschner.

Herr Leuschner, wie wirken sich nach Ihren Beobachtungen die Sanktionen der Europäer und der USA auf die in Russland tätigen deutschen Firmen aus?

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Uwe Leuschner: Um es erstmal ganz klar zu sagen, ich kenne keine deutsche Firma in Russland, die die Sanktionen gut findet. Ja, der Markt hat sich dadurch für die meisten verkompliziert. Viele haben ihr Engagement in Russland eingeschränkt, oder vorläufig oder ganz beendet.

Es gibt allerdings je nach Geschäftszweig auch einige Unternehmen, denen es gut geht und die weiteres Wachstum verzeichnen. Das sind oftmals Unternehmen im produzierenden Gewerbe, die den Schwung der Lokalisierungsprogramme in Russland nutzen können.

Stimmt es, dass die Sanktionen der deutschen Wirtschaft mehr schaden als anderen Ländern in Europa?

Uwe Leuschner: Die deutsche Geschäfts-Community zählt seit Langem zu den größten in Russland. In Spitzenzeiten waren mehr als 6000 deutsche Firmen in Russland präsent. Sicher haben die Deutschen damit auch bei den absoluten Zahlen einen großen Teil an den Folgen zu tragen. Auf der anderen Seite sind wir alle Unternehmer und wirtschaften auf eigene Rechnung.




Damit ist es für den Einzelnen immer sehr konkret und unrelevant, wo er seine Ursprünge hat. Aber es ist durchaus richtig, dass Unternehmer aus verschiedenen Ländern eine unterschiedliche Einschätzung über das Primat von Politik über die Ökonomie haben und es hier überhaupt unterschiedliche Einschätzungen gibt.

In den Massenmedien lesen wir wenig detaillierte Informationen über die Konjunktur in Russland. Wie schätzen Sie die aktuelle Situation ein, es soll ja lange Schleifspuren wegen der verfallenen Ölpreise geben?


Uwe Leuschner: Der Ölpreis und die Sanktionen sind bei Weitem nicht alle Gründe für die aktuellen Probleme in Russland. Ein schwaches Finanzsystem, weiterhin fehlende Marktliberalisierungen, Strukturprobleme im produzierenden Bereich, Bürokratie und Korruption sind weitere Felder, in denen die Ursachen des aktuellen Konjunkturtiefes in Russland zu suchen sind.

Darüber hinaus sind es die Werte, die Unternehmertum und Mittelstand fördern oder die unzureichend sind … Hier gibt es weiterhin viel zu tun, auch ohne Sanktionen. Insgesamt wird 2016 ein sehr kompliziertes Jahr und es bleibt abzuwarten, ob die Wirtschaft in Russland wirklich schon das absolute Tief durchschritten hat. Ich kenne viele Unternehmer, die meinen, dass das komplizierteste noch vor uns liegt.

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Beobachter in deutschen Blogs berichten nach Besuchen in Russland über umfangreiche konjunkturfördernde Bau- und Infrastrukturmaßnahmen … die Lage soll längst nicht so ernst sein, wie es hier in Deutschland dargestellt wird.

Uwe Leuschner: Ja, es gibt weiterhin viele Infrastrukturmaßnahmen. Und die helfen selbstverständlich dem Binnenmarkt. Oft ist hier der Staat der Auftraggeber. Und leider sind hier nicht immer die Bedingungen für alle Marktteilnehmer gleich. Insbesondere Unternehmen mit ausländischem Kapital haben hier oft ungleiche Zugangschancen.

Russland hat sich für Importsubstitution und den Ausbau der eigenen Infrastruktur nicht aus dem Grund heraus entschieden, dass sie Ausrichter der Fußball-WM 2018 sein werden, sondern vor allem als Konsequenz aus einer veränderten Welt und damit auch im Ergebnis der Sanktionen. Wie nachhaltig und erfolgreich diese Schritte jedoch sein werden, muss die Zukunft zeigen.

Was lesen Sie in russischen Zeitungen über das Verhalten der Europäer gegenüber Russland?

Uwe Leuschner: Die Medien in Russland sind seit Monaten darum bemüht, den Russen zu erklären, dass ihr Schicksal nicht von den Sanktionen und dem Verhalten der Europäer abhängt. Es gibt kein Verständnis für die Sanktionen und natürlich sind die Auswirkungen durch das Fehlen gewohnter Produkte aus Europa auch im täglichen Leben langsam sichtbar.


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Aber die Hoffnung, dass die Sanktionen verschwinden, wie lange Zeit auch in den Medien diskutiert wurde, weicht mehr und mehr einer Haltung, dass die Sanktionen auf lange Zeit oder für immer bleiben, weil Russland als Weltmacht wahrgenommen werden will und um seine Stärke in der Welt kämpft. Dies ist eine Auffassung, die von der überwältigenden Mehrheit der Russen geteilt wird: lieber schlechter leben, aber stark und selbstbewusst sein, als sich den liberalen Wertforderungen des Westens unterzuordnen und die Krim an die Ukraine zurückzugeben.

Wie genau beobachtet man in Russland, dass Putin bei uns der Böse ist, während die Rolle der USA im Syrienkonflikt fast totgeschwiegen wird?

Uwe Leuschner: Man beobachtet in Russland jede Aktion der Amerikaner und vergleicht sich auch oft nur mit ihnen. Der Blick auf Europa und die Propaganda darüber geht davon aus, dass die EU kurz vor dem Zerreisen steht und Deutschland von Flüchtlingen überströmt am Rande des Zerbrechens aller politischen Koalitionen steht. Das Verständnis für die deutsche Politik ist nicht stark entwickelt und Kritik an Putin aus Deutschland wird hier nicht wahrgenommen.

Deutschland wird klar als der Handlanger amerikanischer Interessen verstanden und hat so in den letzten beiden Jahren viel an Anerkennung und Akzeptanz verloren. Putin steht über allem und wird auch im Syrienkonflikt als der gefeiert, der den Amerikanern eine Lektion erteilt hat und somit selbst den Deutschen hilft, dass der Flüchtlingsstrom abreißt …

Während Europa gegen Russland wirtschaftliche Sanktionen verhängt, baut China am größten Entwicklungsprojekt der nächsten Generationen auf dem Planeten, an der neuen Seidenstraße. Wie viel entgeht der deutschen Wirtschaft da?

Uwe Leuschner: Das ist ein Fakt – China baut strategisch an seinem Programm »One-belt-one-Road«, und das unabhängig von den Interessen Europas, Amerikas oder auch Russlands. Es ist auch richtig, dass diese Entwicklung in den Medien und der Politik in Europa zu wenig Aufmerksamkeit und auch Unterstützung findet. Unabhängig davon sind Unternehmer frei und selbstständig in ihren Entscheidungen, sich entlang der Neuen Seidenstraße zu engagieren. Auch, wenn die Politik hier keinen großen Rückhalt liefert, haben viele Unternehmen aus Deutschland die Chance erkannt.

Gemeinsam mit Dr. Karin von Bismarck haben wir 2014 eine Unternehmerinitiative CLOSING THE DISTANCE ins Leben gerufen und erstmals 2015 einen Zukunftspreis Neue Seidenstraße gestiftet. Wir waren überwältigt vom Zuspruch und haben im ersten Jahr mehr als 1600 Unternehmen in 11 Ländern mit dieser Initiative erreichen können. Wir haben gespürt, welches Potenzial hier liegt und haben hier ständig Anfragen. Leider ist dies bis heute »nur« eine private Initiative, all unsere Anträge auf institutionelle Unterstützung in Deutschland wurden bisher negativ entschieden.

Stimmen Berichte, wonach chinesische Firmen deutschen Konkurrenten in Russland wegen der Sanktionen Marktanteile abnehmen?

Uwe Leuschner: Es gibt Zweige, wie der Energie- und Erdölsektor, der im Anlagen- und Ersatzteilbereich unter die Sanktionen fällt. Hier gibt es natürlich große Chancen für Marktteilnehmer aus anderen Ländern, auch aus China. Generell ist aber bis heute eine generelle Ablösung der Märkte in Russland durch die Chinesen nicht zu bemerken. Deutsches Know-how, Technologie, Engineering und qualitativ hochwertige Produkte haben trotz der Sanktionen bis heute einen ausgezeichneten Ruf, auch wenn sie weniger im Markt zu finden sind.

Wie viel passiert unter dem politischen Radarschirm, wenn man an die Sanktionen denkt? Hat die Wirtschaft genügend eigene Kommunikationskanäle, um wenigstens einen Teil der Sanktionen zu umschiffen? Oder schaffen das nur die großen Firmen?

Uwe Leuschner: Natürlich kämpfen alle Unternehmen darum, den Dialog aufrechtzuerhalten. Es geht hier nicht darum, die Sanktionen zu umschiffen, sondern vor allem das Vertrauen und den Dialog, auch bei unterschiedlichen Werten, nicht zu verlieren. Hier leisten die Politik und ihre Verbandsvertreter leider aktuell kaum einen Beitrag. Der 2010 gegründete Wirtschaftsclub Russland e.V., ebenfalls eine private Initiative, ist eine der wenigen Organisationen, die hier mit vielen Begegnungsveranstaltungen zwischen Unternehmern aus Russland und Deutschland mit konkreten Themen vorangeht. Unternehmer und die Wirtschaft sind die letzten, aber konkreten Botschafter. Das ist auch im Verhältnis mit Russland bis heute erhalten geblieben, auch wenn das nur wenig wahrgenommen wird.

Wie sieht man die Deutschen und die deutsche Regierung in Russland angesichts der aktuellen politischen Lage und des Syrienkonflikts?

Uwe Leuschner: Die Russen verstehen die Deutschen aktuell so wenig, wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Der Hintergrund ist nicht nur die aktuelle politische Lage oder die ideologische Allmacht der russischen Medien. Wir haben es versäumt, uns neben all unseren Erfolgen nach dem Ende des Kalten Krieges gegenseitig zuzuhören und den anderen besser zu verstehen.

Es sind nach wie vor viele Fragen in der Aufarbeitung unserer gegenseitigen Geschichte nicht beantwortet und wir müssen akzeptieren, dass wir Russland nicht die Werte unserer liberalisierten westlichen Welt »einpflanzen« können. Wir brauchen Dialog und keine Abgrenzung. Und wir sollten begreifen, dass bei allen Unterschieden Russland zu Europa und einem friedlichen europäischen Haus gehört.

Quelle: Kopp-online vom 20.03.2016

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