Die Sache mit der Milch und den Kälbern…

 


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… ist weitaus komplexer als mein Tierwohlherz sich das so gedacht hatte. Bewusster Fleischkonsum, klaro. Aber Milchprodukte sind auch schwierig? Echt jetzt? Da werden die Kühe doch gemolken, nicht geschlachtet…

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Im Laufe des Textes genannte Artikel, sind am Ende des Beitrags gelistet und verlinkt

„Deutsche trinken weniger Milch“, so oder so ähnlich klangen die Überschriften, als das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BLE) am 20. April die neuen Zahlen zu Milch und Milcherzeugnissen herausbrachte. Selten erwähnt wurde: die Milchproduktion ist dennoch weiter angestiegen –  und das tut sie übrigens seit Jahren kontinuierlich. 32,4 Mio t Kuhmilch wurden 2019 in Deutschland an milchwirtschaftende Unternehmen geliefert. Kurz gesagt: Deutschland produziert eine Menge Milch und zwar rund ein Fünftel der in der EU erzeugten. Damit ist Deutschland der größte Milcherzeuger in der EU.

Viel Milch braucht viele Kälber

Die Milch dafür kommt – klar, von der von der Kuh. Also von der Frau vom Bullen (Stier). Damit eine Kuh Milch gibt, muss sie Kälber gebären. Damit eine Kuh viel Milch gibt, muss sie viele Kälber gebären. „In Deutschland gibt es etwas mehr als 4 Millionen Milchkühe, die jedes Jahr Nachwuchs bekommen (müssen), damit sie weiter Milch geben und die viel zu hohe Nachfrage an Milch- und Milcherzeugnissen sättigen können“, schreibt dazu das SlowFood-Magazin. Kurz nach der Geburt sollen die Kühe dann schnell wieder dem Melkbetrieb zur Verfügung stehen, denn jetzt geben sie besonders viel Milch.

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Und was passiert mit den Kälbern? Weit verbreitet ist die Methode, die Kälber entweder sofort oder nach wenigen Tagen von der Mutter zu trennen und mit dem Eimer aufzuziehen. Gefüttert wird entweder mit der Milch der Mutterkuh oder in Großbetrieben vor allem mit Ersatzmilch aus Pulver und warmem Wasser (Milchaustauscher). Auf diese Weise stört das Trinken der Kälber nicht den optimierten Melk-Ablauf eines Milchviehbetriebs. Das ist übrigens auch bei den meisten Biobauern nicht anders.

Keine Elternzeit für Kühe

Die schnelle Trennung von Kalb und Muttertier wird aus Tierwohlgründen kritisch gesehen. Denn die Kühe nehmen die Trennung von ihren Kälbern nicht leicht, sie trauern. Deswegen ziehen einige Landwirte die sofortige Trennung vor, denn „einige Milchkühe, denen die Kälber nach zwei oder drei Tagen weggenommen werden, brüllen ihren Trennungsschmerz stundenlang laut über den Hof. Das hört kein Landwirt gerne.“, wie die ZEIT dazu schreibt. Die Kälber hingegen neigen schnell zu Durchfallerkrankungen, eine Tatsache, die die Ernährung über den Eimer bestärkt. Außerdem trinken Kälber an den Eimern oft zu wenig.

Raus aus dem Hamsterrad

Eine Alternative dazu stellt die sogenannte muttergebundene oder ammengebundene Kälberaufzucht dar. In diesem Fall haben Kälber in den ersten Wochen und Monaten nach der Geburt eingeschränkten oder uneingeschränkten Kontakt zur Mutter / zu einer Ammenkuh und werden von dieser auch gesäugt. Viele Milchbauern stehen dieser Art der Haltung noch skeptisch gegenüber, denn sie stehen seit Jahren unter hohem Druck. Besonders für kleinere Betriebe ist eine rentable Milcherzeugung kaum mehr möglich. Futter- und Energiekosten steigen, Erzeugerpreise für Milch sind schwankend, aber fast immer unter den 40 Cent pro Liter, die nötig wären, um kostendeckend arbeiten zu können. Unter diesem Druck umzustellen, bringt Zweifel mit sich: Wie verändert sich der Milchertrag? Sind Abnehmer bereit, weniger Milch aber höheren Zeit-Aufwand materiell auszugleichen? Sind die Verbraucher bereit, einen höheren Preis zu zahlen?

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Dennoch gibt es Landwirte, die tatsächlich (wieder) muttergebundene Kälberaufzucht betreiben. In einem Artikel der Süddeutschen Zeitung zieht ein Landwirt Bilanz: Die Kälber würden mehr Milch trinken, dadurch könne er weniger Milch verkaufen. Dafür seien die Kälber nach drei Monaten Tränkezeit durchschnittlich 40 Kilogramm schwerer. Außerdem habe er signifikant geringere Tierarztkosten. Für ihn lohne es sich […]  das zeige ihm auch der Zuspruch der Verbraucher.
Wunderbar, dann können wir an dieser Stelle ja den Stift niederlegen. Problem gelöst – oder? Leider nein. Das ginge nur, wenn Kühe nur Mädels zur Welt bringen würden: Wenn sie groß sind, geben sie Milch, sind also von Nutzen für die Milchviehbetriebe. Und die Jungs unter den Kälbern? Haben ein Problem.

Die Jungs haben ein Problem

Ein Problem, dass wir aus der Diskussion rund um das Schreddern von männlichen Küken kennen. Es gibt keine bzw. sehr viel weniger Nutzen für sie. Natürlich brauchen auch Kühe einen Bullen, um trächtig zu werden (auch, wenn sie künstlich besamt werden). Aber so ein Zuchtbulle kann sehr viele Kühe versorgen. Was passiert also mit den männlichen Kälbern? Normalerweise werden sie an konventionelle Mastbetriebe weitergeben. Oft liegen diese jedoch im europäischen Ausland. Allein den langen Weg dorthin überleben viele Kälber nicht. Als Kalb anfällig für Krankheiten, bekommen sie prophylaktisch regelmäßig Antibiotika, denn vor Ort werden sie mit vielen fremden Kälbern zusammengeführt. Auch die Frage nach der artgerechten Haltung steht im Raum. Die Hälfte der jährlich in Deutschland geborenen Kälber sind männlich.

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Um für diese eine Alternative zur oben beschriebenen Praxis zu finden, wurde die sogenannte Bruderkalb-Initiative in der Region Hohenlohe ins Leben gerufen. Bisher nehmen zehn Demeter- und Bioland-Milchviehbetriebe daran teil. Ziel ist, dass auch die männlichen Kälber mindestens die ersten drei Monate artgerecht auf dem Hof verbringen. Nach der zwölf-wöchigen Stillzeit kommen die Bullenkälber entweder auf Bio-Mastbetriebe oder sie werden in der Nähe geschlachtet und verarbeitet. Herausforderung ist vor allem die Vermarktung. Denn die längere Haltung bei der Mutter birgt natürlich höhere Kosten – die im Preis verrechnet werden müssen. Die Position eines Gastronomen, Max Korschinsky, den das SlowFood-Magazin in einem Artikel über die Initiative dazu zitiert, ist für mich sehr eindrücklich. Er appelliert an die Verantwortung aller Konsumenten: Die Gastronomie müsse hier ihren Beitrag leisten, denn wenn einem das Tierwohl wichtig sei, ginge es nicht, zwar Milch und Käse zu verwenden, aber den Rest nicht.

Und im Schwarzwald?

Verbraucher in Süddeutschland können zum Beispiel am Milchregal Verantwortung übernehmen. Die Demeter HeuMilch Bauern und der Nutztierschutzverein PROVIEH haben am 1. Oktober 2019 ein eigenes Siegel für die kuhgebundene Kälberaufzucht auf den Markt gebracht. „Zeit zu zweit“ heißt es und schreibt vor, dass alle dem Betrieb angehörigen Tiere, weibliche wie männliche, für mindestens vier Wochen bei der Mutter und/oder Amme aufwachsen. Die männlichen Kälber verbleiben auf den Höfen und werden später vermarktet, so Demeter. Fleisch von „Brüderkälbern“ findet man vor allem in der Direktvermarktung. Bei Freiburg gibt es zum Beispiel den Melcherhof. Sein Fleisch stammt von Rindern, die bei der Mutter-/Ammenkuh aufwachsen. Wer recherchiert, wird aber noch mehr solcher Höfe finden.

aktuell-demeter-heumilch-kuhgebundene-kaelberaufzucht-prohvieh-biodynamischFazit: Hinter dem Thema Milch verbergen sich eine Menge Themen und Herausforderungen. Sich aus Tierwohlsicht als Vegetarier auf der sicheren Seite zu fühlen, funktioniert nicht. Bewusster Konsum geht uns alle etwas an.

Quelle: tellerrand.blog vom 02.06.2020


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