Deutschland – Corona: Erste Kliniken wollen wieder Operationen verschieben

 

Corona: Erste Kliniken wollen wieder Operationen verschieben
Symbolbild

Obwohl die Gesamtbelegung der Intensivstationen bisher nicht gestiegen ist, wollen erste Krankenhäuser erneut Eingriffe aussetzen. Das dürfte weniger an der technischen als an der personellen Ausstattung liegen. Über Jahre wurden Kliniken kaputtgespart und privatisiert.

von Susan Bonath 

Rund 1,6 Millionen Operationen hatten deutsche Kliniken im Frühjahr wegen erwarteter Corona-Patienten verschoben. Der Ansturm blieb aus, statt Überlastung herrschte Kurzarbeit. Noch immer werden derzeit hinausgezögerte Eingriffe nachgeholt, wie Charité-Vorstandsmitglied Ulrich Frei gegenüber der Nachrichtenagentur dpa einräumte. Doch Kollateralschäden hin oder her: Seine Berliner Klinik plant einen weiteren OP-Lockdown von unbekannter Dauer. Andere Universitätskliniken rechnen ebenfalls damit. „Wir müssen versuchen, die Intensivbetten für Covid-19-Patienten frei zu bekommen“, sagte Frei, auch wenn dies „zu schwierigen ethischen Fragen, etwa im Umfang mit Herz- und Tumorkranken“, führe.

Zu wenig Personal, häufig Quarantäne

Grund dafür sind offenbar nicht fehlende technische Kapazitäten, sondern über viele Jahre herunter gesparte personelle Ressourcen. Berlins Bürgermeister Michael Müller (SPD) sowie Vertreter der Unikliniken Berlin und Frankfurt am Main warnten gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters vor einem massiven Mangel an medizinischen Fachkräften.

Das schon lange bestehende Problem verschärfe sich, wenn Beschäftigte positiv getestet würden. Sie und ihre Kontaktpersonen in den Kliniken müssten dann in Quarantäne, warnte Frei. In den vergangenen beiden Wochen habe es bereits besonders viele Fälle gegeben, berichtete Jürgen Graf, Ärztlicher Direktor des Frankfurter Klinikums. Müller betonte, dass auch den Gesundheitsämtern Mitarbeiter fehlten. Allein in Berlin seien rund 200 Stellen nicht besetzt. Er appellierte an den Bund, vor allem den Großstädten mehr Personal zur Verfügung zu stellen. Dort steige die Zahl der positiv Getesteten derzeit am stärksten an.

Unterfinanziert und profitgetrieben: Warnung vor Klinik-Insolvenzen

Der Markt zwingt auch Kliniken verstärkt dazu, rentabel zu wirtschaften. Wenn die Mittel knapp sind, sparen sie zuerst am Personal. Vergangene Woche beklagte die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) eine chronische Unterfinanzierung. Dabei berief sie sich auf eine aktuelle Studie von Wissenschaftlern des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung. „Die schon vor der Corona-Pandemie extrem angespannte wirtschaftliche Lage vieler Häuser wird sich spätestens 2022 zu einer Insolvenzwelle ausdehnen“, zitierte die DKG daraus und forderte eine „Debatte darüber, wie wir Daseinsvorsorge langfristig gesichert finanzieren können“.

DKG-Präsident Gerald Gaß rechnet mit schwerwiegenden Folgen für die Bevölkerungen vor Ort, werde die Pleitewelle nicht gestoppt. „Die Entscheidung, wie es mit unserer Kliniklandschaft weitergeht, darf nicht durch Insolvenzen entschieden werden“, sagte er. Dies sei eine politische Frage. Dazu gehöre es, Investitionen und Vorhaltekapazitäten für Notfälle ausreichend zu finanzieren.

Wie viele Intensivpatienten können wirklich versorgt werden?

Im März dieses Jahres verfügten deutsche Kliniken nach offiziellen Angaben über rund 28.000 Intensivbetten mit einer Auslastung von etwa 80 Prozent. Demnach müssten damals im Schnitt gut 22.000 Betten belegt gewesen sein. Mit Mitteln des Bundes sollten die Kliniken ihre Intensivstationen auf insgesamt 40.000 Betten aufstocken. Doch das Deutsche Intensivregister (DIVI) meldete zuletzt gerade einmal gut 30.000 Betten für Schwerkranke, von denen rund 9.000 nicht belegt waren.

Trotz Corona und nachgeholten Operationen schwankte laut DIVI auch die Anzahl der insgesamt belegten Intensivbetten seit dem Ende des OP-Stopps Mitte Mai kontinuierlich zwischen 20.000 und 22.000. Lediglich der Anteil positiv Getesteter unter ihnen variierte. So hatte das Register am 15. Mai dieses Jahres 1.294 positiv Getestete unter 20.388 Intensivpatienten registriert, das sind 6,3 Prozent. Am 31. Juli befanden sich unter 21.693 intensivmedizinisch Behandelten 263 positiv Getestete (1,2 Prozent).

Seit Anfang Oktober steigt zwar die Anzahl der Positivfälle auf den Intensivstationen, aber nicht die Bettenbelegung insgesamt. So meldeten die Kliniken am 10. Oktober 532 von 21.461 Patienten als Covid-19-Fälle, also rund 2,5 Prozent. Zu Hochzeiten wurden im April dieses Jahres bis zu 3.000 Covid-Patienten intensivmedizinisch behandelt.

Würde man aktuell von einem ähnlichen Corona-Szenario wie im Frühjahr ausgehen, müsste man mit einer Zunahme der Patientenzahlen auf bis zu 25.000, vielleicht bis 26.000 Patienten ausgehen. Denn die Corona-Patienten kämen zu allen anderen Fällen hinzu. Stimmt die Anzahl der verfügbaren Betten, gäbe es dann noch immer 4.000 bis 5.000 freie Plätze für Schwerkranke – ohne die Behandlung anderer Krankheiten zurückzustellen. Die Anzahl der statistisch vorhandenen Betten dürfte also nicht das Problem sein.

Vielmehr ist anzunehmen, dass mit 22.000 Plätzen die derzeit maximale Auslastung bereits erreicht sein könnte. Die Gründe dafür können vielfältig sein: Ein über Jahrzehnte klein gesparter Ausbildungsmarkt für fähiges Personal, belastende Arbeitsbedingungen für vergleichsweise schlechte Entlohnung, das System der eng kalkulierten Kostenpauschalen, die anhaltende Privatisierung von Krankenhäusern, verbunden mit der Ausrichtung auf Profit, chronisch unterfinanzierte kommunale Kliniken und immer wieder Schließungen.

Wirklich Mehrbelastung durch Corona?

Allerdings ergeben sich auch Unklarheiten aus medizinischer Sicht. Geht man davon aus, dass zumindest nach dem Lockdown Mitte Mai Patienten nicht mehr abgewiesen wurden, die Bettenbelegung aber unabhängig von der Anzahl der positiv auf das neue Coronavirus Getesteten stets auf besagtem Level stagnierte, muss eine Frage erlaubt sein: Wie war das Infektionsgeschehen vor der Corona-Pandemie auf den Intensivstationen? Was konkret hat sich dort mit Corona geändert?

Es ist nicht anzunehmen, dass sich die Zahl schwerer Erkrankungen abseits von Corona, wie Lungenentzündungen, Herzinfarkte, Schlaganfälle oder Krebs, plötzlich stark verringert hat. Auch Unfälle geschehen nach wie vor und operationsbedürftige Hüft- und Wirbelsäulenschäden dürften keineswegs spontan zurückgegangen sein.

Mit Blick auf das Geschehen ergeben sich zwei mögliche Erklärungen: Entweder wurde einer unbekannten Anzahl von Kranken die Behandlung auch nach Beendigung des Lockdowns verweigert. Oder das Infektionsgeschehen mit Corona weicht weniger als propagiert vom sonstigen Krankenhausalltag ab.

Kliniken lange vor Corona am absoluten Limit

Die Missstände in den Krankenhäusern sind nicht erst seit gestern bekannt. Zu Jahresbeginn berichteten zum Beispiel streikende Beschäftigte des privaten Klinikbetreibers AMEOS in Sachsen-Anhalt gegenüber der Autorin von „belastenden und unzumutbaren Arbeitsbedingungen“.

So seien bei AMEOS etwa 24-Stunden-Bereitschaftsdienste normal gewesen, in denen die Pflegekräfte und Ärzte die gesamte Zeit am Operationstisch gestanden hätten. Teilweise seien nachts nur ein oder zwei Beschäftigte für zwei Stationen zuständig, berichteten sie. Der Konzern hatte sich zuvor jahrelang geweigert, einen Tarifvertrag abzuschließen. Außerdem hatte er Bereiche wie Labor und Küche ausgelagert sowie wenig profitable Ressorts, darunter den Kreißsaal und die Kinderstation, komplett geschlossen.

Seit Jahren ist immer wieder von Engpässen in Kliniken während des Winters, also der Grippesaison, zu lesen: Patienten konnten nicht mehr aufgenommen und mussten in weiter entfernte Krankenhäuser transportiert werden. Im Dezember 2019 machte beispielsweise die Berliner Charité die Kinderkrebsstation für neue Patienten dicht und begründete dies mit Personalmangel. Im Februar dieses Jahres fand der NDR mittels einer Datenanalyse heraus, dass norddeutsche Intensivstationen immer stärker überlastet seien und Betten abbauen müssten. Kurz vor dem Ausrufen des nationalen Pandemie-Notstandes konnten dort demnach zwei Drittel der Krankenhäuser keine schwerkranken Patienten mehr aufnehmen.

Größte Gefahr: multiresistente Krankenhauskeime

Welche Rolle zusätzliche Infektionen mit multiresistenten Keimen bei Corona spielen, ist unbekannt. Das Robert Koch-Institut (RKI) hatte im November 2019 gewarnt, dass sich mit jährlich rund 400.000 bis 600.000 immer mehr Patienten in Kliniken mit Bakterien infizierten, die gegen gängige Antibiotika resistent sind. Dabei berief es sich auf eine Studie, laut der 80 Prozent der Betroffenen fünf verschiedene schwer zu behandelnde Leiden entwickelten: Lungenentzündungen, Harnwegsinfekte, Blutvergiftungen, Wundinfektionen und Durchfallerkrankungen. Bis zu 20.000 Menschen, drei bis fünf Prozent, sterben in Deutschland jedes Jahr daran.

Quelle: Russia Today (RT) vom 13.10.2020 


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Ein Kommentar zu Deutschland – Corona: Erste Kliniken wollen wieder Operationen verschieben

  1. Ulrike sagt:

    Durch verschobene Operationen oder bestimmte Therapien die unterbrochen werden sterben weit aus mehr Menschen als an Corona. Weiss ich von einer Krankenschwester.

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