Asyl – Auf der Alb fremdeln Flüchtlinge und Einheimische miteinander

 

In Meßstetten ist seit Oktober eine Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge eingerichtet – und der gemeinsame Alltag verlangt allen hier einiges ab.

  1. Flüchtlinge Meßstetten Foto: Franz Schmider

  2. Im Sommer draußen Stress, im Winter eher drinnen – das Leben in einer Erstaufnahmestelle ist kein Spaß. Foto: Felix Kästle

  3. Leiter Lea Meßstetten Foto: Franz Schmider

  4. Flüchtlinge Meßstetten Foto: Franz Schmider

Der Erwin-Gomeringer-Platz neben dem modernen Rathaus ist menschenleer, niemand sitzt auf den am Rand aufgestellten Steinbänken, niemand lehnt sich an die Edelstahlgeländer, kein Gemurmel, kein Lachen übertönt das Geräusch der vorbeifahrenden Autos auf der Hauptstraße. Das Rechteck aus hellgrauen Betonplatten, halb so groß wie ein Fußballfeld, wirkt an diesem Ort falsch dimensioniert – wie so manches in Meßstetten.

Rund um den Platz stehen geduckt Fachwerkhäuser mit kleinen Fenstern, die Dorfkirche ist frisch herausgeputzt, ebenso wie der „Schwanen“ und der „Ochsen“, der „Dorfkrug“ wartet noch drauf. Es gibt Metzger und Bäcker, Apotheke und Bank, Lottoannahmestelle und Juwelier – für Dinge des täglichen Bedarfs ist gesorgt. Es gibt einen Imbiss – ohne Kunden –, und das Eiscafé San Felice hat nicht erst seit gestern geschlossen. Es fehlt an Menschen. Die sind zum Arbeiten nach Albstadt oder Balingen gefahren, Meßstetten ist Auspendlerstadt, sagt Bürgermeister Lothar Mennig. Eine deutsche Kleinstadt an einem normalen Wochentag, ein wenig verlassen.

Und dann gibt es noch einen Platz, namenlos aber belebt. Es ist eine Wiese und sie liegt am Ortsrand vor einer Lidl-Filiale. An warmen Tagen ist sie bevölkert, in diesem Sommer also fast immer. Vor allem junge Menschen halten sich hier auf, sitzen im Gras, reden, essen und trinken. Sie wohnen alle in der Zollernalb-Kaserne am anderen Rand Meßstettens, die heute Erstaufnahmestelle des Landes für Flüchtlinge ist – und nicht allen 10 000 Einwohnern ist so viel Leben auf einem Fleck ganz geheuer.

Das sagen zumindest die Blicke, die sie im Vorbeifahren aus den Autos herüberwerfen, die eiligen Schritte, mit denen sie nach dem Einkauf über den Parkplatz streben, das schreckhafte Zucken, wenn ein Fremder sie anspricht. Es erzählt mehr als die Worte, die eher abgewogen klingen. Auf dem Parkplatz diese komplizierte Stimmung formulieren? Nein, bitte nicht.

Sonja Mayer, Ende 30, nimmt es ganz entspannt – obwohl auch sie eben noch Geduld aufbringen musste an der Supermarktkasse, wo sie hinter drei jungen Eritreern anstand. „Woher sollen die das wissen, wie das alles geht“, sagt sie verständnisvoll. Sie kennt das, sie arbeitet selbst in einem Fachgeschäft im Ort. Vor dem Geschäft ist eine Bushaltestelle, da ist sie oft gefragt. Sie versteht die, die sich zurechtfinden müssen in der fremden Welt und dabei so viel Ballast mit sich schleppen; sie versteht auch die anderen, die verunsichert sind, weil in ihre überschaubare Welt plötzlich viel Fremdheit eingebrochen ist. Sie werde, sagt sie, ihre elfjährige Tochter nach den Sommerferien mit dem Auto in die Übungsstunden des Turnvereins bringen. Die sei am Vortag nach Hause gekommen und habe freudig erzählt, ein dunkelhäutiger Mann habe ihr die abgesprungene Fahrradkette wieder aufgelegt. Ach, sagt sie, sie wisse nicht so recht, was sie denken soll. Vielleicht hätte sie ihre Tochter ohnehin mit dem Auto zum Sport bringen sollen. „Man liest ja so viel.“ Sie zieht die Schultern hoch.

Auch Gerhard Schaier ist zwiespältig. „Ehrlich gesagt, ich habe mit denen wenig zu tun“, sagt der glatzköpfige Rentner in freundlichem Ton. Aber er könne verstehen, dass es Menschen verunsichert, wenn ihnen täglich so viele Fremde begegnen. Gerade wenn sie in Grüppchen unterwegs sind. Auch werde viel erzählt über Ladendiebstähle, neuerdings stehen Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes am Ausgang. Das sei beruhigend – aber auch ein Signal. Er selbst könne die Geschichten nicht bestätigen. „Ich wurde auch noch nie in irgendeiner Form belästigt.“

Bahjat Blassini ist einer von denen, um die sich so viel dreht in Meßstetten. Der 28-Jährige sitzt auf der Wiese und hat sich gerade eine Zigarette gedreht. Blassini ist Jeside und stammt aus dem Irak. Fünf seiner acht Geschwister seien bereits in Deutschland, jetzt sei auch ihm die Flucht gelungen. Seit zwei Wochen ist er in Meßstetten, diese Woche soll es weitergehen in eine Sammelunterkunft. Bis die IS-Krieger den Nordirak eroberten und die Jesiden vertrieben, hat Blassini als Lehrer bei Mossul gearbeitet. Er sei so froh, in Deutschland zu sein. „Endlich fühle ich mich wieder einmal sicher.“ Dann will er wissen, welche Chance er habe, in Deutschland als Lehrer zu arbeiten. Er demonstriert, was er gelernt hat: „Auge“, „Mund“, „Nase“.

Blassini sitzt mit sieben Landsleuten hier zusammen, sie trinken Bier aus der Dose. Alle könnten eine Geschichte beisteuern. Wollen auch. Blassini muss übersetzen. Bevor die Männer sich erheben, sammeln sie die Kippen und Dosen ein.

Das hat ihnen Axel Leukhardt ans Herz gelegt, Streetworker vom Roten Kreuz. Er soll helfen, dass das Wohlwollen der Bürger von Meßstetten nicht verloren geht. Einhundert Freiwillige arbeiten ehrenamtlich im Begegnungszentrum neben der Lea mit. Ein Café ist hier eingerichtet, es gibt ein Freizeitangebot, und die Unterstützer beraten hier die Flüchtlinge oder unterhalten sich einfach mit ihnen. „Refugees welcome“ steht auf einem Aufkleber an der Telefonkabine neben dem Rathaus.

Sie bringen Tage zu, die aus Warten bestehen

Im Oktober 2014 hat das Land in der ehemaligen Bundeswehrkaserne eine Landeserstaufnahmestelle (Lea) eingerichtet. Hier werden die Daten der Flüchtlinge und Asylbewerber erfasst, sie bekommen einen „Büma“ genannten Ausweis (Bescheinigung über Meldung als Asylsuchender), es werden Fotos gemacht und Fingerabdrücke genommen, sie werden medizinisch untersucht und geimpft. Im Idealfall stellen sie hier ihren Asylantrag – ehe sie in Sammelunterkünfte verlegt werden. 500 bis 1000 sollten hier für je zwei bis drei Wochen unterkommen – derzeit sind es 1700.

Axel Leukhardt weiß, wie fragil die Beziehung zwischen Meßstettern und Flüchtlingen geworden ist. Dass die Zahl der Lea-Bewohner höher ist als angekündigt, ist nur ein Grund. Hinzu kommen seit Ende des Winters, dass es so viele sind, die in Grüppchen auftreten in der tagsüber eher ausgestorbenen Kleinstadt. Wenn der Durchgangsverkehr die Hauptstraße beherrscht und die einzigen Fußgänger im Ort Menschen aus Syrien, Somalia oder Eritrea, Irak oder Iran, Serbien oder Kosovo sind. Auf dem Weg zum Einkaufszentrum, wo sie ihre Prepaidhandys aufladen, oder zur Lea, gefüllte Plastiktüten oder Gebinde mit Wasserflaschen an der Hand.

Und nicht wenige kaufen sich auch ein, zwei Dosen Bier, die sie auf der Wiese vor dem Supermarkt leeren. Denn in der Unterkunft herrscht Alkoholverbot. So bringen sie ihre Tage zu, die aus Warten bestehen.

Axel Leukhardt hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Reizpunkte im Verhältnis zwischen Einwohnern und Flüchtlingen zu identifizieren und möglichst früh zu beseitigen. Manches ist banal. Zwischen Lidl und Lea stand bislang kein einziger Abfallbehälter. Und es gab keine öffentliche Toilette. Eine erste, in einem Container, steht nun neben dem Erwin-Gomeringer-Platz, neuerdings weisen auch Schilder darauf hin. Leukhardts Alltag ist mühsam. „Die werfen ihren Müll auch in die Papiertonne“, sagt ein Meßstetter, der gerade den Zaun an seinem Grundstück grün streicht. Vor dem Haus stehen aufgereiht drei Müllcontainer, grau, braun und blau. Auf Axel Leukhardt wartet noch viel Arbeit. Zumal jeden Tag 50 bis 100 Menschen neu ankommen und ebenso viele gehen.

„Wir fangen immer wieder bei Null an“, sagt Frank Maier, Leiter der Lea. Erst vor wenigen Tagen erreichte ihn ein Notruf aus Karlsruhe, wo 400 Flüchtlinge vor der überfüllten Lea standen. Maier ließ zwei Hörsäle der Kaserne ausräumen und Feldbetten aufstellen. 50 Menschen leben jetzt in jedem Raum, überwiegend Familien mit Kindern. Jetzt fehlen Maier die Räume, um die neu Angekommenen zu begrüßen, über das Verfahren zu informieren, sie einzuweisen – und Leukhardt die Möglichkeit zu geben, ein paar Notwendigkeiten des Alltags zu erläutern.

Maier wirkt müde, der Jurist erinnern ein wenig an Sisyphos. Die Ärzte vom Gesundheitsamt kommen mit den Untersuchungen nicht nach, so wenig wie die Bearbeiter der Asylanträge, die Kantine ist auf 500 Essen ausgelegt. Und wenn auf dem benachbarten Truppenübungsplatz der Bundeswehr geschossen wird, erleben die Kriegsflüchtlinge einen Rückfall. Erst vor wenigen Tagen habe direkt unter seinem Fenster ein Mann einen Nervenzusammenbruch erlitten – er hatte am Telefon erfahren, dass seine drei Kinder getötet wurden. All das gehe nicht spurlos an ihm und den Mitarbeitern vorbei.

Er hat mit seinen 23 Jahren noch keinen Tag Frieden erlebt

So wenig wie der Ärger, der sich am Steigweg aufschaukelt. Maier fasst das Problem so zusammen: In der Lea in Karlsruhe sei die Überbelegung ein Problem drinnen, weil es eng werde. In Meßstetten liege das Problem eher draußen. 500 zusätzliche Flüchtlinge auf den Weg in die Karlsruher Innenstadt fallen dort nicht weiter auf. In Meßstetten mit seinen 5000 Einwohnern im Kernort schon.

Der kürzeste Weg von der Lea zum Lidl führt durch den Steigweg. Bis vor einem Jahr war hier die ruhigste Wohnlage im ruhigen Meßstetten: große Grundstücke, gepflegte Gärten, Blumenbeete und Hollywoodschaukel – und die Joggingstrecke vor der Haustür, wie eine Anwohnerin anmerkt, auf deren Briefkasten der Name Roth steht. Und jetzt? Sie jogge nicht mehr, weil sie sich einfach unsicher fühle. Sie ziehe die Tür hinter sich selbst dann zu, wenn sie nur kurz in den Garten gehe. Schließe die Garage, wenn sie rasch einkaufen geht. Auf die kniehohe Begrenzungsmauer ihres Gartens hat sie vor einigen Wochen Blumenkübel platziert, damit sie nicht weiter als Sitzbank benutzt werden kann. Wegen der Hinterlassenschaften. Und abends sei es einfach laut, da werde gesprochen und sogar gelacht – sie habe dann gar nicht den Eindruck, dass die Menschen traumatisiert seien, sondern betrunken.

Bürgermeister Lothar Mennig kennt solche Berichte, er nimmt sie auch ernst. „Das darf man nicht vom Tisch wischen“, sagt Mennig und holt tief Luft für sein Aber. Ihm sei zugetragen worden, dass die Wege voller Glasscherben lägen – die Mitarbeiter des Werkhofes seien aber erst ein einziges Mal fündig geworden. Die Stadt habe einen weiteren WC-Container aufstellen wollen – sei damit aber am Widerstand der Grundstückseigentümer gescheitert. Er höre Klagen über Schmutz und Vandalismus im Umfeld des Rathauses – und zwar seit fünf Jahren. Weshalb der Gemeinderat längst beschlossen habe, den Platz mit einer Videoanlage zu überwachen. „Aber sicher, das subjektive Sicherheitsgefühl hat gelitten“, sagt Mennig. „Und dann bauen Menschen Angsträume auf.“

Angst ist auch eine Frage des Vertrauens. Frau Roth sagt, am meisten nage an ihr, dass man im Oktober von höchstens 1000 Flüchtlingen gesprochen habe, die nach Meßstetten kommen würden. Was soll man also von dem Versprechen halten, dass die Lea am 31. Dezember 2016 wieder geschlossen wird? Frau Roth winkt müde ab.

Leukhardt und Mennig hoffen nun auf den Winter. Dann werden die Flüchtlinge weniger unterwegs sein. Das erhöht den Stress innerhalb des Geländes, aber es nimmt draußen etwas Druck. Beide wollen zudem Flüchtlinge dafür gewinnen, sich für freiwillige Dienste zu melden. Sie halten schon jetzt das Wildgehege in Ordnung und die Lidl-Wiese, leeren die Mülleimer am Steigweg. Wenn der Schnee kommt, könnten sie ja mithelfen, öffentliche Wege zu räumen oder bei alten Menschen Schnee schippen. Viel zu spät habe man daran gedacht, die Belange der Bürger in die Überlegungen einzubeziehen. Auf Leukhardt lassen die Leute im Steigweg auch nichts kommen – ein Streetworker sei halt zu wenig. Mennig sagt, es komme eine zweite Stelle.

Einer der großen Pluspunkte des Standorts Meßstetten, sagt Frank Maier, seien die Größe der Anlage, die Freiflächen, die Sportplätze. Das eröffne die Möglichkeit, drinnen etwas zu bieten und so die Menschen auf dem Gelände zu halten. Auf einem der Plätze findet gerade wieder einmal ein Länderspiel statt. Irak gegen Afghanistan. Afghanistan hat mit null zu eins verloren, und Guizail Khaibar ist noch ganz außer Atem. Er habe in Mazar-I-Sharif aktiv gespielt. Sein Studium der Betriebswirtschaft hat er abgeschlossen. Dann erzählt er vom Terror der Taliban, von Drohungen an die Familie, vor allem an seine kleine Schwester. Sein Vater habe ihn gedrängt, das Land zu verlassen. Er habe noch keinen Tag Frieden erlebt in seinen 23 Lebensjahren. Die Geschichten sprudeln nur so aus ihm heraus, er kommt kaum zum Luftholen. Vor ihm steht ein Fremder. Die Sonne steht bereits tief, der Himmel färbt sich ein. In den feuchten Augen spiegelt sich das warme Abendlicht wider.

Quelle: Badische Zeitung vom 11.08.2015

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