Pegida-Aktivistin Festerling – Radikaler geht’s nicht

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Mit ihren ständigen Attacken gegen Asylbewerber, „Lügenpresse“ und „Volksverräter“ verliert Pegida-Rednerin Tatjana Festerling jedes Maß. Das hat nicht nur ideologischen Gründe. Warum ist das so?

19.01.2016, von STEFAN LOCKE UND JUSTUS BENDER

© REUTERS Pegida-Aktivisten Lutz Bachmann und Tatjana Festerling auf einer Kundgebung im April 2015

Der Montagabend vergangene Woche verlief ganz nach dem Geschmack von Tatjana Festerling. Sie war Hauptrednerin beim sogenannten Jubiläum des Pegida-Ablegers Legida in Leipzig und stand im Nieselregen auf der Bühne zwischen zwei großen „Rapefugees Not Welcome“-Postern. Die Zuschauer jubelten. Es fehle nicht mehr viel, „bis aus der Kölner Domplatte eine Schlachtplatte“ werde, rief Festerling und kritisierte die ihrer Meinung nach völlig verweichlichten Deutschen: „Wenn die Mehrheit der Bürger noch klar bei Verstand wäre, dann würden sie zu Mistgabeln greifen und diese volksverratenden, volksverhetzenden Eliten aus den Parlamenten, aus den Gerichten, aus den Kirchen und aus den Pressehäusern prügeln.“


Stefan LockeAutor: Stefan Locke, berichtet für die Politik aus Sachsen.

Justus BenderAutor: Justus Bender, Redakteur in der Politik. 

Die Rede, in der sie Asylbewerber auch als „afroarabische Sexterroristen“ bezeichnete, brachte ihr mehrere Anzeigen, darunter des Deutschen Journalistenverbandes, wegen Volksverhetzung ein. Die Staatsanwaltschaft Leipzig ermittelt. Auch in Dresden ermitteln die Strafverfolger seit längerem gegen sie wegen des Verdachts der Volksverhetzung, der Verleumdung sowie des Aufrufs zu Straftaten. Seit Festerling vor einem Jahr erstmals bei einer Pegida-Kundgebung auftrat, ist sie zu einer Art verbalem Maschinengewehr der Bewegung avanciert.

Was sie stets in leicht schrillem Singsang, aber klarem Deutsch formuliert, ist vielfach obszön, beleidigend und bisweilen so abwegig, dass man Zweifel haben muss, ob Festerling selbst an das glaubt, was sie sagt. Kürzlich forderte sie eine neue Mauer in Deutschland, welche den „guten Deutschen im Osten“ und den „linken Gutmenschen im Westen“ voneinander trenne. Sie plädierte auch für einen Austritt Sachsens aus der Bundesrepublik. Mehrfach forderte sie einen Generalstreik und auch die Bundeswehr zum Putsch auf, „Heimatverteidigung“, so sagte sie im Dezember, brauche Methoden „die der weichgespülte, moralisierende Mainstream für nicht anständig hält“.

Zweifelhaftes Verhältnis zur Wahrheit




Laut ihrem Redemanuskript, das Festerling stets abliest, wollte sie am Montagabend auch zu den Strafanzeigen Stellung nehmen. „Ich back’ mir ein Ei auf eure Strafanzeigen“, heißt es dort. „Wenn ihr den Prozess haben wollt, dann kriegt ihr ihn! Dann schauen wir mal, ob nicht Hunderte oder gar Tausende Bürger mit mir zum Gerichtssaal kommen und sehen wollen, was da passiert.“ Die Welt werde sehen, „dass hier Methoden von 1933 angewendet werden – die Nazis sind heute nur nicht mehr braun, sondern tragen die Farben der Regierungsparteien!“ Festerling erwähnt auch das Bild der Mistgabel. Diese sei „ein Symbol für Revolution! Und nichts anderes brauchen wir hier in Deutschland – es ist höchste Zeit für eine Revolution!“ Gleichwohl wolle sie nicht zu Gewalt aufrufen. „Pegida war, ist und bleibt eine friedliche Bewegung.“

Festerling scheint in ihrer Rolle aufzugehen. Ihr Motto: Je radikaler, desto besser. Als Mitglied des Pegida-Vereinsvorstandes hält Festerling immer öfter Reden anstelle des Vorsitzenden Lutz Bachmann. Im Juni kandidierte sie bei der Oberbürgermeisterwahl in Dresden und holte 9,6 Prozent. Dass mehr als 90 Prozent der Dresdner nicht für sie gestimmt hatten, schob sie auf „Altparteien“ und „Lügenpresse“. Dabei hat Festerling selbst bisweilen ihre Schwierigkeiten mit der Wahrheit. Erst vergangene Woche verurteilte sie das Landgericht Hamburg zu einem Ordnungsgeld von 500 Euro, weil sie bestritten hatte, dass auf einer Pegida-Demonstration ein Journalist angegriffen worden war.

Alles begann bei der Hamburger AfD

Festerling selbst mag nicht reden. In einem Telefonat sagt sie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am Montag, sie spreche derzeit „nur mit ausländischen Medien“, womit Festerling wohl Sender wie „Russia Today“ meint, dem sie im Januar nach der Kölner Silvesternacht sagte, in Deutschland werde „Kritik an unkontrollierter Zuwanderung sofort unterdrückt“. Frühere Parteigänger von Festerling aus ihrer Zeit in der Hamburger AfD haben weniger Hemmungen, über ihre Erfahrungen zu sprechen – auch wenn sich nicht alle mit ihrem Namen zitieren lassen wollen.


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Alles begann Ende April 2013 in einem Steakrestaurant am Hamburger Hauptbahnhof. Das heutige Landesvorstandsmitglied Jens Eckleben, früher Landesvorsitzender der rechtspopulistischen Partei „Die Freiheit“, hatte Interessierte und AfD-Neumitglieder in ein Separée des Restaurants geladen. Eckleben sprach die Menschen an, er wollte wissen, welche Talente sie haben und wie sie der Partei helfen können. Eine sportliche Frau aus dem Schanzenviertel antwortete Eckleben, sie sei Inhaberin einer Werbeagentur. Es war Festerling. Eckleben war entzückt. „Was uns in dieser Phase fehlte, war jemand mit Sachverstand in Öffentlichkeitsarbeit.“ Eckleben nahm Festerling unter seine Fittiche und stellte sie dem Landesvorstand vor. „Ich war einer derjenigen, die sie mit rangeführt haben an die Partei. Sie hat auch schnell Kontakt geknüpft zu Bernd Lucke, weil es auch im Bundesvorstand Defizite im Bereich Marketing gab.“ Mehrere Funktionäre haben Festerling in guter Erinnerung, als energische Frau mit vielen Talenten. Zumindest am Anfang. Nach und nach aber gab es ein Umdenken, als Festerling einen Teil ihrer Persönlichkeit offenbarte, der zumindest bei den Bürgerlichen gewisse Sorgen auslöste.

Kölner Hogesa-Demonstration führte zum Bruch

In der Erinnerung mehrerer AfD-Funktionäre hatte Festerling immer etwas Überbordendes. Sie explodierte in Diskussionen, warf anderen Feigheit und fehlende Mannhaftigkeit vor. Während Gemäßigte um die Anbindung an das Bürgertum besorgt waren, machte Festerling auf viele den Eindruck, sie halte diese Mäßigung eher für eine Form der politischen Kapitulation. Ihre Entwicklung wird von diesen Weggefährten weniger mit Ideologie erklärt als mit ihrer Psyche. Festerling habe in der Sprache immer die Radikalität gesucht, nie den Kompromiss – wohlgemerkt auch in Bereichen, die völlig unideologisch waren. „Überall, wo es demokratisch zugeht, wo es um Mehrheiten und Kompromisse geht, ist sie am falschen Ort“, sagt zum Beispiel Eckleben. Andere sagen, um Festerling zu verstehen, müsse man wissen, dass sie Parolen gesucht habe, die zu ihrer Persönlichkeit passten, nicht umgekehrt. Schnell geriet sie mit AfD-Funktionären in Konflikt, auch mit Lucke.



Zum Bruch kam es im Oktober 2014. Hooligans hatten sich in Köln stundenlange Straßenschlachten mit der Polizei geliefert, Festerling hatte mitdemonstriert. Später lobte sie das Geschehen in einem Internetblog. „Heute Abend ziehe ich meinen Hut vor den Hools, vor Euch“, schrieb Festerling. Sie lobte die Hooligans für ihre „Geduld“, ihre „Disziplin“ und schrieb, dass deren Parolen „in keinster Weise rassistisch, rechtsextrem oder Gewalt auffordernd“ gewesen seien. Für die AfD waren diese Sätze zu viel. Einem Ausschlussverfahren kam Festerling mit ihrem freiwilligen Austritt zuvor.

Angstfrei ist Festerling schon lange nicht mehr

Manchmal redet Festerling noch mit einem Parteifreund von damals. Der sagt, sie erzähle dann von ihrem neuen Leben als Aussätzige. Wie sie bei Bahnfahrten erkannt wird und aus Angst vor Übergriffen den Zug verlässt. Wie in ihre Hamburger Wohnung eingebrochen wurde. Wie Unbekannte das Haus, in dem sie lebte, besprühten und die Tür verklebten. Wie der Staatsschutz ihr einen Personenschutz verweigere. Mittlerweile lebe Festerling in Sachsen, in der Nähe von Dresden, sagt ihr Bekannter. Für Besorgungen verkleide sie sich mit einer Perücke und anderer Kleidung. Die Angst sei ihr ständiger Begleiter.



Manchmal erzählt Festerling aber auch von ihrem neuen Leben als Volksheldin. Wie sich der Applaus anfühle. Wie die Menschen bei Pegida, anders als in Hamburg, ihr Blumen schenkten, wie sie kommen, um sie zu umarmen, an ihr hängen. Welche Intensität es habe, dort zu sprechen. Festerling selbst ist am Montag nicht mehr zu erreichen, um diese Aussage zu bestätigen. Zuvor hatte sie am Telefon gesagt, sie werde am Montagabend alles, was sie zu sagen habe, nur den Demonstranten in Dresden sagen. Den Menschen also, von denen sie keine Kritik zu erwarten hat.


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Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 19.01.2016

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