Ein Land sieht rot: Frankfurt und die Folgen

 
DANIEL MATISSEK
(Foto: Pixabay
 

Die Reaktionen auf den gestrigen Mordanschlag vom Frankfurter Hauptbahnhof, bei dem ein 8-jähriger und seine Mutter vorsätzlich vor einen ICE gestoßen wurden, zeigen den ganzen Wahnsinn, dem die deutsche Zivilgesellschaft anheim gefallen ist. Eine Tagesrückblende des Schreckens.

Noch immer ist über die Hintergründe des sprachlos machenden Verbrechens nichts Näheres bekannt – nur dass der Täter ein 40 Jahre alter Eritreer war, von dem mittlerweile feststeht, dass er in der Schweiz seit 2006 gemeldet ist und offenbar Flüchtlingsstatus hat. Was genau er in Deutschland wollte, ob er sich überhaupt hätte hier aufhalten dürfen, wieso er ohne Visum einreisen konnte und vor allem: wieso er die Wahnsinnstat beging – all das muss erst noch aufgeklärt werden.

Dennoch überschlagen sich im Netz seit gestern die wildesten Mutmaßungen und Gerüchte, und es ist ein regelrechter Schmutz- und Wuthurrikan aufgebrandet, der die noch vor wenigen Jahren für unmöglich gehaltene Spaltung der deutschen #Gesellschaft einmal mehr eindringlich belegt. Je nach politischer Couleur rattern die Vorurteile durch, schießen Emotionen über; von primitiven Rachegelüsten, dem Ruf nach Todesstrafe bis hin zu ungeheuerlichen Verharmlosungen, Relativierungen und natürlich dem Versuch, den Spieß herumzudrehen und „rechte Hetze“ als eigentliches Hauptproblem zu beschreien, ist auf Twitter, Facebook und in diversen Telegramm-Gruppen praktisch alles zu finden.

Beide Seiten wollen übereinander triumphieren: Die einen sehen in der schrecklichen Tat eine weitere Bestätigung für Migrantengewalt und wähnen die Gutmenschen einmal mehr blamiert. Letztere wiederum hoffen nur auf die Bestätigung, dass der Täter überhaupt nichts mit der deutschen Migrationsproblematik am Hut hatte, und können es kaum abwarten, die vermeintlich voreiligen „Stammtisch-Hetzer“ zu widerlegen. Dabei ist eines klar: Selbst wenn sich herausstellen sollte, dass die Gewalttat nicht das Geringste mit der entarteten deutschen Flüchtlings- und Zuwanderungspolitik zu tun hatte, so wäre die Kritik daran doch kein Deut weniger berechtigt. Im Gegenteil: Im Licht der pausenlosen, tagtäglichen Gewalttaten und Übergriffe ist es nur menschennatürlich und normal, dass zunächst in diese Richtung gedacht wird, ja: gedacht werden muss.

Dass dieser Zusammenhang logischerweise hergestellt und zunächst einmal vermutet werden muss, ist auch der Politik klar – sonst hätte Innenminister Seehofer den Fall nicht sogleich zum Politikum gemacht und seinen Urlaub abgebrochen. Und auch die Reaktion des linken Braintrusts im Land fiel genauso reflexartig aus wie erwartet: Die größte Sorge galt zu allererst einem erwarteten Ausbruch neuerlicher „rechter Hetze“.

Ein gestern kursierender Tweet der Antifa Rostock warnte: „Lasst die Flüchtlinge aus dem Spiel! Es gibt kein Recht auf Nazipropaganda„. Angeblich soll es sich bei dem Account zwar um einen Fake handeln; doch selbst wenn: er griff paradigmatisch das auf, was die meisten linksaußen denken – und was ihnen in ihrer Verbohrtheit als allererstes durch den Kopf geht. Sie fühlen nicht mit den eigentlichen Opfern, sondern solidarisieren sich reflexartig sogleich mit denen, die für sie sakrosankt und in jeder Hinsicht „schutzbedürftig“ sind.

Zu dieser modernen Form von Konterpropaganda, die von den eigentlichen Problemen ablenken soll, gehören auch die Opferarithmetik und Aufrechneritis: Sei es, dass entweder vermeintlich ebenso schlimme Anschläge von Deutschen auf Ausländer der gestrigen Tat gegenübergestellt oder überbetont werden, oder sei es durch plumpen, relativierenden Whataboutism. Vertreter der ersten Spezies sind unverbesserliche Scheuklappenträger wie etwa die Linken-Chefin Katja Kipping, die kurz nach dem Anschlag in Frankfurt einen Artikel der „Dresdner Neuesten Nachrichten“ über einen „brutalen Überfall in einem Mehrfamilienhaus in Übergau auf zwei Libyer“ twitterte und „ein Ende der Verharmlosung rechtsextremer Gewalt“ forderte – wahrlich ein perfektes Timing. Darum, und um nichts anderes, ging es gestern; na klar.

Für die zweite Sorte kann stellvertretend die „Frankfurter Rundschau“ stehen, deren Redakteur Stephan Hebel unter der Überschrift „Hetzer, haltet mal den Mund!“ einen angeblich „klugen Mann“ zitierte, der geschrieben habe: „Gewalt gibt es, weil es Arschlöcher gibt und nicht Ausländer“ – ein Spruch, in diesem Kontext ebenso naiv, dümmlich und nichtssagend wie die ähnliche Parole „Alle Menschen sind Ausländer, fast überall“. Dann leitet Hebel nonchalant über zum Anschlag von Wächtersbach, bei dem ein Deutscher versucht hatte, einen Eritreer zu töten: „Es ist gerade eine Woche her, dass im hessischen Wächtersbach ein Landsmann des mutmaßlichen Täters, ein Eritreer, zum Opfer eines offensichtlichen Mordversuchs geworden ist. Das entlastet den Verdächtigen von Frankfurt natürlich nicht.“ Erwähnen muss Hebel es natürlich trotzdem – und AfD-Chefin Alice Weidel wirft er vor, sich nur über den ICE-Anschlag, nicht den von Wächtersbach ausgelassen zu haben (als seien beide Fälle in irgendeiner Form vergleichbar).

Es ist derselbe Tenor, der auch in diversen Kommentaren unter den Facebook-Seiten von „Spiegel“, „Süddeutsche Zeitung“ oder „Tagesspiegel“ zu lesen war: „Deutsche tun sowas auch„. Nicht selten wurde gar die krude Theorie vertreten, der Anschlag gestern sei womöglich eine Retourkutsche oder gar „Revanche“ gewesen für Wächtersbach. Subtext: Letztlich sind rechte Heckenschützen und Nazis schuld, wenn Afrikaner zu Verzweiflungstaten getrieben werden.

Ohnehin war Alice Weidel, die sich gestern in deutlichen Worten über die unfassbare Tat ausgelassen hatte, Hauptzielscheibe krasser Anfeindungen – auch von Parlamentskollegen. Bernd Riexinger von den „Linken“ schoss dabei den Vogel ab, als er schrieb: „Ein achtjähriges Kind stirbt, und was macht die AfD? Sie verbreitet ihre widerliche und rassistische Hetze auf Twitter!„.

Dass das Kind nicht einfach „starb“, sondern vor den Zug gestoßen wurde – von einem Unbekannten, der genau wegen Menschen wie Riexinger ungehindert in Deutschland leben (respektive: hier ein- und ausgehen) konnte -, wurde natürlich nicht erwähnt. Riexingers heuchlerischer Hass-Tweet sollte nicht die einzige Breitseite gegen Weidel bleiben:  „Sie widern mich an„, schrieb etwa ein Nutzer namens „Grober Unfug“, „wenn Sie mit derart niederen Äußerungen für ein paar Stimmen von debilen (sic!) hausieren gehen müssen wie eine Dirne?„. Und ein gewisser „Seth Rox“ titulierte Weidel einmal mehr als „Nazischlamp*, die jeden Tag mit Steuergeld in die Schweiz fliegt.“ Bei diesem Geifer, allesamt lupenreine linke „Hassrede“ übrigens, handelt es sich nur um einige harmlose Beispiele. Die richtig gravierenden Verbalinjurien sind überhaupt nicht zitierfähig.

Wer sich in die Niederungen der Sozialen Medien hinabwagt, etwa in gewisse berüchtigte Facebook- oder Twitter-Foren, der findet sich in einem Fegefeuer menschlicher Abgründe wieder, das kaum zu ertragen ist. „Wäre es ein afrikanisches Kind gewesen, hätte niemand was gesagt. Typisch Deutschland es lernt nichts aus seinen Fehler (sic!)“, schrieb da etwa ein grenzdebiles Subjekt namens „Naschkatze88“.  Und unter einem Beitrag der Facebook-Seite der „Tagesschau“, wo sich in kürzester Zeit über 5.000 Kommentare ansammelten (und das übrigens trotz – nach Beobachtung einiger aktiver User – zahlreicher Löschungen!), ätzte ein gewisser „Sneau Umzu“: „In 36 Minuten 1.347 Kommentare – gefühlte 50% davon sind rassistischer Natur„. Eine andere Userin schrieb: „Ein kleines Kind ist gestorben. Man sollte dieses schreckliche Ereignis nicht für Rassismus nutzen.“ Kinder sterben bekanntlich einfach so, etwa durch einen tragischen Zufall oder höhere Mächte, indem sie wie von Geisterhand ins Gleis fliegen; keinesfalls aber durch die Hand eines Mörders, schon gar nicht eines Afrikaners. Soviel hartleibige Realitätsverweigerung ist eigentlich gar nicht mehr vorstellbar – doch es gibt sie. Im im Netz sogar tausendfach, zehntausendfach.

Der Trend zur Tatverharmlosung findet sich auch bei öffentlich-rechtlichen Journalisten. Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) teilte auf Twitter mit: „Am Frankfurter Hauptbahnhof ist ein Kind von einem ICE erfasst und schwer verletzt worden.“ Ein Unfall also, tragisch, sonst nichts? Halt, da kommt noch was: „Zeugen berichteten, ein Mann habe das Kind geschubst. Ein Verdächtiger wurde festgenommen“. Soweit der WDR. Hierzu folgendes: Erstens „berichteten“ nicht irgendwelche Zeugen von dem Verbrechen, sondern es handelte sich um eine evidente Tat, die inmitten der Öffentlichkeit vor zahllosen Augenzeugen geschah – also völlig unzweifelhaft und erwiesenermaßen. Und zweitens wurde nicht irgendein „Verdächtiger“ festgenommen, sondern der von Beginn an eindeutig als solcher identifizierte, in flagrante delicto beobachtete Täter, der nach seiner Horrortat von Augenzeugen verfolgt und gestellt werden konnte.  Und drittens war der Junge auch nicht „geschubst“ worden, sondern gestoßen. „Schubsen“ kann man jemanden sachte, versehentlich, scherzhaft. Hier aber wurde rohe Gewalt ausgeübt. Wenn Sprache töten kann, dann ist diese Diktion des WDR fast eine nochmalige Wiederholung des Mordanschlags.

Auch „Spiegel Online“ durfte natürlich im Club der „VerZERRemonienmeister“ nicht fehlen. Das linke Leitportal zementierte einmal mehr den ihm vorauseilenden Ruf eines tendenziösen Meinungsmediums, das mit zweierlei Maß misst. Im Fall von Wächtersbach (Eritreer als Opfer) war die Berichterstattung noch klar wertend gewesen:  Ein „mutmaßlicher Rechtsextremist“, der „einen Schwarzen erschießen“ wollte; klarer Befund: natürlich „Rassismus“, bereits in der Überschrift so genannt. Vergleicht man dagegen die gestrige, betont neutrale, vorsichtig formulierende Meldung über den ICE-Mord (Eritreer als Täter), fällt der Unterschied schlagartig ins Auge: Auch hier ist wieder davon die Rede, der Junge sei „von einem Zug“ erfasst“ worden„Polizei geht davon aus…„, und der Täter: „ein Mann“; ethnien- und herkunftlos wie immer, wenn das eigene linksvernagelte Weltbild droht, Risse zu bekommen.

 

Mit zweierlei Maß kommt natürlich auch die SPD daher:

Die „taz“ hingegen wählte einen etwas anderen Ansatz und setzte auf Verdrängung: Unmittelbar nach dem Anschlag gestern Mittag, als alle die Nachrichtenportale und Newsticker kein anderes Thema kannten, machte die Online-Ausgabe des Spontiblattes mit einem echten Kracher auf: „Wie ist eigentlich das Jodeln entstanden?“ Der Rückzug ins Biedere ist oftmals die einzige Rettung, selbst für linke Dauerrebellen.

Und die Politik? Von der Bundesregierung und fast allen namhaften Amtsinhabern der Republik regnete es dieselben 08/15-Floskeln der Betroffenheit. Andere beschworen das Gemeinschaftsgefühl. Doch selbst die Stimmen der Besonnenheit klangen gestern unfreiwillig zynisch und abgestanden. Frankfurts OB Peter Feldmann etwa ließ sich wie folgt ein: „Wir Frankfurter stehen zusammen, wir haken uns unter, wir helfen selbstlos Menschen, wir retten sie aus der Not und sind füreinander da.“ Hohle Phrasen gegen das Entsetzen? Um was ging es hier, bitte –  um Lichterketten, Seenotrettung oder den heimtückischen Mord an einem kleinen Jungen? Auch andere „Leid-Medien“, etwa „n-tv“ oder „N24“, zitierten Experten und Kriminalpsychologen am Fließband; Hauptsache, jeder gibt seinen mehr oder minder qualifizierten Senf dazu. Der Jugendpsychotherapeut Christian Lüdke, der inzwischen zum Kriseninterventions-Standardinventar deutscher Fernsehsender gehört und immer dann um seinen Sermon gebeten wird, wenn die „Kacke am Dampfen“ ist, schwurbelte sich geradezu einen ab beim Versuch, die Täterpsyche des Frankfurter Bahnsteig-Stoßers per Ferndiagnose zu ergründen: „Vielleicht ist der Tatverdächtige nicht einmal mit dem Plan zum Bahnhof gegangen, jemanden zu töten? Niemand wird über Nacht zum Mörder. Das ist immer der Abschluss einer langen gestörten Entwicklung.“Aha: Die Banalität des Bösen, die gibt es eigentlich gar nicht, denn Gewalt ist immer reaktiv. Also ist – na wer wohl – mal wieder die Gesellschaft schuld, wenn die Zeitbomben unter uns nicht frühzeitig entschärft wurden. Danke für das Gespräch.

 

Die irrsten Lösungsvorschläge kamen übrigens von den Grünen: Valerie Wilms, Verkehrsexpertin der Grünen aus Schleswig-Holstein, forderte Bahnreisende auf, diese sollten sich „niemals zu nahe an ein Gleis begeben„. So ließen sich Mordanschläge wie in Voerde oder Frankfurt verhindern: „Wenn sich alle an die Regeln halten, reichen diese Maßnahmen für eine sichere Benutzung der Bahnsteige aus.“ Und der Berliner Abgeordnete Benedikt Lux forderte ernsthaft zu prüfen, „ob Züge nicht grundsätzlich mit Schrittgeschwindigkeit einfahren sollten“, wie unter anderem die „Tagesstimme“ gestern berichtete. Als seien überhöhte Zuggeschwindigkeiten ursächlich dafür, dass ein neuer Normalfall – Kinder und Frauen im Gleisbett – so oft tödlich enden – ob sie nun von Psychopathen hineingestoßen wurden oder freiwillig hinabgestiegen sind. Schuld ist im Zweifelsfall der zu schnelle ICE.

Quelle: journalistenwatch.com vom 30.07.2019 


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3 Kommentare zu Ein Land sieht rot: Frankfurt und die Folgen

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  2. birgit sagt:

    Was ist daran falsch an einem Mord Kritik zu üben ? Die linke Bagage hat doch nicht alle Latten am Zaun.

  3. Ulrike sagt:

    Es wird mal wieder alles verharmlost von diesen doofen Gestalten was man Presse nennt. Falsche Fuffziger.
    Bei keinem Interview im Fernsehen hat ein Sprecher gesagt dass die Menschen zornig sind auf dieses Gesindel das im Land ist und endlich wollen dass was gegen die unternommen wird. Grenzen dicht – Abschiebungen etc.

    Immer nur schön brav gesagt die Menschen sind geschockt,.,,,,,,,,

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