TV-Kritik: „Anne Will“ – Der Ton wird noch schärfer

 

Vertreter Ungarns haben in deutschen Talkshows zurzeit einen schweren Stand. Sie werden von allen anderen angegriffen. Bei der ARD macht dabei jetzt sogar die Moderatorin mit.

17.09.2015, von Michael Hanfeld

© AP Regierungschef Victor Orban und seine ungarische Regierung ist für viele der Sündenbock in der Flüchtlingskrise.

Noch vor kurzem konnte man denken, die Griechenlandkrise habe das Zeug dazu, Europa zu spalten. Das war, bevor die Flüchtlingskrise einsetzte. Oder besser gesagt: Bis Europa nicht mehr die Augen vor den Folgen des Krieges in Syrien und im Irak verschließen konnte. Millionen Menschen werden vertrieben, sind auf der Flucht, ihr Ziel ist Europa – der Kontinent, mit dem sich ihre Hoffnung auf ein menschenwürdiges Dasein verbindet. „Wir schaffen das“, sagt die Bundeskanzlerin und reagiert auf eine humanitäre Notlage. Doch darf sich Angela Merkel nicht wundern, wenn sie von den Menschen im eigenen Land gefragt wird: Wie schaffen wir das?


Fragen darf man sich aber auch, ob dieses Land, ob die deutsche Regierung noch in der Lage ist, die Folgen ihres Handeln zu beherrschen oder ihr Handeln einmal aus der Perspektive derer zu betrachten, die diese Folgen mit zu tragen haben – die Ungarn und die ungarische Regierung zum Beispiel. Deren Vertreter werden in Talkshows des deutschen Fernsehens offenbar nur noch eingeladen, um den Sündenbock zu geben. Das war vergangene Woche bei Maybrit Illner im ZDF zu besichtigen und nun am Mittwochabend bei Anne Will in der ARD. Dort mit der Besonderheit, dass auch die Moderatorin aus ihrer Rolle fällt und die Inquisitorin gibt.

Das ungarische Grenzregime

An der Haltung des ungarischen Regierungschefs Viktor Orban Fremden gegenüber darf man seine Zweifel haben ebenso wie an der Art und Weise des ungarischen Grenzregimes: Flüchtlinge werden unzureichend versorgt, ferngehalten und inzwischen sogar mit Wasserwerfern vertrieben. Die Weigerung, aktiv und produktiv an einem Schlüssel zur Verteilung der Flüchtlinge mitzuwirken, bringt Europa in eine Bredouille, die der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn denkbar drastisch als Vorstufe einer neuen europäischen Teilung schildert: Ein Drittel der Abgeordneten im Europäischen Parlament, sagt er, lauere nur darauf, „dass Europa zerbricht“. Dass es zerbrechen könnte, scheint seines Erachtens allerdings allein an der Haltung der osteuropäischen Staaten zu liegen, nicht an der Bundesregierung und an den EU-Ländern, die Angela Merkels „Wir-schaffen-das“-Kurs unterstützen.

© dpa, reuters Flüchtlinge in Serbien fordern die Öffnung der Grenzen


Darüber kann man geteilter Meinung sein – CDU und CSU sind das ja im Augenblick, und zwar ganz demonstrativ – und diese Meinungen sollte man äußern können, ohne gleich moralisch diskreditiert zu werden. Zoltán Balog, der ungarische Gesellschaftsminister, versucht das bei Anne Will auch, verweist darauf, dass sein Land nichts anderes tue, als die Regeln des Dublin-Abkommens zu befolgen und gerne selbst entscheiden würde, wie viele Menschen es aufnimmt und – welche.

„Das Land neu denken“

Dass er mit dieser Haltung gegen Jean Asselborn, Thomas de Maiziere, Katrin Göring-Eckardt und den Journalisten Heribert Prantl von der „Süddeutschen Zeitung“ einen schweren Stand haben würde, war zu erwarten: De Maiziere kritisiert die von Ungarn eingesetzten Mittel und tritt für eine Politik ein, die weder Abschottung noch eine „offene Einladung für alle“ darstelle. Katrin Göring-Eckardt von den Grünen und Heribert Prantl gehen gleich mehrere Schritte weiter: Prantl spricht von einer „historischen Anstrengung“, die notwendig sei und von einer „völlig neuen Gesellschaftspolitik“. Göring-Eckardt will das Land gleich ganz „neu denken“ und glaubt, dass Deutschland bald „ein besseres Land“ sein wird.

Wenn man in der Opposition sitzt oder Journalist ist, kann man so etwas gut formulieren; eine Regierung, die Fakten schafft, sollte aber vielleicht auch bedenken, dass man die Bevölkerung in dieses neue Land – von dem man eine Vorstellung haben sollte, die etwas anderes als ein Wolkenkuckucksheim ist – mitnehmen muss. Und man sollte auch bedenken, dass man die Ungarn bei derlei nationaler Selbstfindung nicht gleich eingemeinden muss. Doch das geschieht, wenn etwa der Journalist Prantl dem Minister Balog vor den Latz knallt, Europa sei eine Wertegemeinschaft, während er – Balog – sich an Ungarns nationale Souveränität klammere. Souveränität aber sei nicht der „oberste“ Wert Europas. Deutlicher kann man eine Zurechtweisung kaum formulieren: Ungarn, setzen, sechs. Beim Vizekanzler Sigmar Gabriel von der SPD klang das vergangene Woche bei Maybrit Illner nicht viel anders, bei Jean Asselborn und den anderen in Wills Runde ist der Tenor ähnlich.

Anne Will findet es „nicht amüsant“

Bemerkenswert aber ist, welche Schärfe die Moderatorin, deren Stärke eigentlich eher eine besonnene Penetranz ist, an den Tag legt. „Ich finde das gar nicht so amüsant“, sagt sie an einer Stelle, an der Balog gerade zu Wort kommt. Dann will sie wissen: Warum wollen Sie keine Muslime in ihrem Land? „Ich helfe Ihnen noch einmal.“ Dann: „Nein, aufgepasst.“ Wie christlich ist Ihre Regierung? Wie viele Muslime haben Sie denn in Ungarn? So fragt Anne Will weiter und fragt fort, in ungehaltenem Ton, solange, bis Thomas de Maiziere darum bittet, seinen Kollegen aus Budapest zu schonen: „Ich würde anregen, die Fokussierung auf Ungarn zu beenden.“ Mit der Fokussierung meint er in diesem Augenblick nicht nur die Diskutanten, sondern auch die Moderatorin.

Anne Will © dpa  Einst Moderatorin, nun ARD-Inquisitorin: Anne Will

Anne Will sollte sich diese Sendung und ihre Rolle darin wirklich noch einmal ansehen – sie müsste sich eigentlich selbst zu denken geben. Mit dem schrillen Ton steht ihre Sendung freilich nicht allein. Merkel-Gegner stimmen ihn genauso an und steigern ihn zur Kakophonie wie diejenigen, die von einer neuen Republik träumen, an deren über ganze Staaten hinweg erweiterter Grenze jedoch die Hauptursache der Krise liegt und wütet und mordet: das Terrorregime „Islamischer Staat“. Von dem ist bei Anne Will an diesem Abend auffallend selten die Rede. Auch darin steht die Sendung pars pro toto für eine Haltung aus Deutschland, die nicht nur den Nachbarn im Osten seltsam erscheint.

Für die Presse formuliert die Redaktion von „Anne Will“ in der Nacht eine Mitteilung, die aus der ganzen Sendung nur eine Äußerung benennt: „De Maizière kritisiert Vorgehen der ungarischen Sicherheitskräfte gegen Flüchtlinge“.

Bemerkenswert, dass die Redaktion sonst nichts Bemerkenswertes aus der Sendung mitzuteilen hat.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17.09.2015

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